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Buchkritiken - Das Topic für Leseratten, Teil 2

Dieses Thema im Forum "Die Taverne" wurde erstellt von Doc Sternau, 4. September 2003.

  1. Tolotos

    Tolotos Haluter

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    Kurzzusammenfassung zu meinem letzten Lesestoff:

    Christian Rudder - Inside Big Data
    Ein Gründungsmitglied von OkCupid, der dort für Data Science zuständig ist, setzt sich mit den verschiedensten Statistiken auseinander. Mathematisch wirkt das ganze sehr kompetent ("wirkt" statt "ist", weil man natürlich die Rohdaten selbst nicht kennt, und sich daher mit einer endgültigen Beurteilung zurückhalten sollte), gleichzeitig ist es exterm unterhaltsam und oft amüsant, was man so alles an Statistiken einer Partnerbörse ablesen kann. Wer den entsprechenden Blog bei OkCupid kennt, kennt den Stil.
    Nur dem Übersetzer ins Deutsche sollte man erklären, dass er in Zukunft fachkompetente Hilfe zu Rate ziehen sollte. Den Fachbegriff "graph theory" einfach wahl- und planlos mit "Funktionentheorie" (statt richtig mit "Graphentheorie") zu übersetzen, ist vor allem deshalb dämlich, weil es wirklich ein Gebiet namens "Funktionentheorie" (engl. "complex analysis") gibt. Ich habe mich im ersten Moment echt gefragt, wie man Funktionentheorie an der Stelle anwenden kann... Aber dafür kann der Autor ja nichts. 4/5

    Alan Sokal - Fashionable Nonsense: Postmodern Intellectuals' Abuse of Science
    Der Physiker Alan Sokal wurde mit einem Nonsens-Artikel bekannt, den er in den 90ern bei der Zeitschrift "Social Text" einreichte und der angenommen wurde. Er wollte damit zeigen, mit was für absurden Texten man bei manchen (peer-reviewten!) Journals unterkommen kann. Zu diesem Schritt bewogen hat ihn die Situation, die er im vorliegenden Buch zitiert: Einige Wissenschaftler haben behauptet, Physik und Mathematik in ihren wissenschaftlichen Arbeiten (in sozialwissenschaftlichen Gebieten) anzuwenden und haben dabei völlig hanebüchernen Unsinn verzapft. Dass Sokals Artikel angenommen wurde, wundert nach Lektüre des Buches überhaupt nicht mehr, denn während jener noch eher zurückhaltend falsches und subtile Denkfehler enthielt, sind die hier vorliegenden Zitate, die ja von Leuten aus der entsprechenden Wissenschaftscommunity kamen Unsinn vom Schlage "The penis is similar to the complex number i: Both are irrational". Während dieser Satz wenigstens noch als Metapher Sinn haben könnte (den ich aber nicht finde), soll an vielen Stellen wirklich formale Mathematik angewendet werden und es entsteht abstruses, da versucht wird, streng definierte Fachbegriffe in umgangssprachlichen Kontexten eingesetzt zu werden (Stichwort: Axiom of Choice für Recht zur Abtreibung. Seems Legit). Dabei bleibt Sokal stets fair und betont mehrfach, dass er weder einen ganzen Wissenschaftszweig noch gar sämtliche Geisteswissenschaften und nicht mal die hier zitierten Wissenschaftler angreifen will, sondern wirklich nur deren absurde Anwendungen von Mathematik und Physik. Ob sie sonst etwas wissenschaftliches geleistes habe, will und kann er nicht beurteilen. Das Buch ist dem Thema entsprechend nicht allzu spannend geschrieben und wohl nur für Leute lustig und/oder interessant, die schon mit Hochschulmathematik und oder -Physik in Kontakt waren, da man sonst meiner Einschätzung nach vieles nicht wirklich versteht. Für mich hat es sich gelohnt. 4/5

    Cixin Liu - Death's End
    Ich kann nur nochmal meine Worte zum zweiten Teil wiederholen: Großartige Ideen, ein glaubwürdiger und spannender Plot, aber nicht ganz so tolle Dialoge und Charaktere. Wobei letzteres schon deutlich besser geworden ist (Cheng Xin ist wesentlich interessanter als Luo Ji). Klare Empfehlung an jeden, der an Science Fiction interessiert ist. 4/5

    Cathy O'Neill - Weapons of Mass Destruction: How Big Data Increases Inequality and Threatens Democracy

    Eine ehemalige Mathematik-Professorin, die aber auch in der Wirtschaft als Data Scientist gearbeitet hat, prangert sehr scharft an, wie momentan Algorithmen zur Verwertung von Rohdaten in den verschiedensten Lebensbereichen (vor Gericht, bei der Polizeit, in Bewerbungsverfahren, bei Versicherungen usw) eingesetzt werden. Sie hat mit vielem sicher recht und es ist informativ/erschreckend zu lesen, wie teilweise gearbeitet wird. Rein zur Unterhaltung würde ich das Buch nicht lesen, da es sich dafür auch zu viel wiederholt. Für ihre Aussage ist das nicht schlecht, da sie ja gerade zeigen will, dass es an vielen Stellen die entsprechenden (ähnlichen) Probleme gibt. Allzu sehr in die Tiefe geht sie absolut nicht, es ist eher ein Buch für interessierte Laien. War ok. 3/5

    Jeff VanderMeer - Annihilation
    Ein unfassbar spannendes Science-Fiction-/Mysterybuch über eine Expedition in die sogenannte Area X. Verfasst im Tagebuchstil ist das Buch sehr spannend und prägnant, baut eine schöne Spannung auf und ist auch sehr gut geschrieben. Leider war ich mit dem Ende bisher noch nicht ganz so zufrieden, was aber größtenteils Geschmackssache ist:
    Mir war alles zu mysteriös, zu vage, zu übersinnlich.
    Es ist aber gut möglich, dass sich dieser momentane Kritikpunkt im weiteren Verlauf der Trilogie auflöst. Bis dorthin bleibe ich erst einmal bei 3/5, da ich das Buch momentan für sich bewerte.

    Außerdem habe ich gehört:

    Michael Crichton - Micro

    Ein Buch rund um Doktoranden, die in einen Skandal um eine Nanotechnologie-Firma verwickelt und dabei
    geschrumpft
    werden. Das Buch hat bei mir einen Nerv getroffen, denn durch die Prämisse ist es möglich,
    die verschiedensten Tiere, vor allem Insekten effektiv als Widersacher einzusetzen.
    Losgelöst davon ist wohl recht durchschnittlich, die Charaktere sind nichts Besonderes, der Plot ist recht vorhersehbar und es wirkt auch nicht ganz so gut recherchiert, wie man es sonst von Crichton gewohnt ist. Solide Unterhaltung, die bei mir gewann, weil ich das Setting mochte. Mehr aber nicht. 3/5


    @Falk: Mittlerweile habe ich übrigens auch mal mit Die Schlafwandler angefangen und bisher finde ich es sehr interessant! :up:
     
  2. Falk

    Falk ChickenWizzardwing

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    @Tolotos: Das freut mich! Dann konnte ich mich ja mal mit einem Tipp für deine fleißigen Empfehlungen hier revanchieren! :)
     
  3. Lazarus

    Lazarus Lumpenbarde

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    Ich hab übrigens mittlerweile die Artus-Trilogie von Bernard Cornwell gelesen und kann Tolotos nur empfehlend beipflichtend (Der Winterkönig, Der Schattenfürst, Arthurs letzter Schwur). :up:

    Typische Cornwell-Romane mit allerdings noch höherem Tempo und "Action"-Dichte!

    Mehrfach habe ich mich beim Lesen gefragt, warum aus dem Buch nicht schon längst eine Serie gemacht wurde.
     
  4. Tolotos

    Tolotos Haluter

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    Jeff VanderMeer - Authority
    Jeff VanderMeer - Acceptance

    Habe jetzt also Southern Reach zu Ende gelesen. Weiß nicht genau, ob ich die Trilogie wirklich empfehlen kann (das erste Buch für sich genommen auf jeden Fall!). Weiter gilt, dass der Schreibstil sehr stark ist. Weiter gilt, dass VanderMeer sehr gut darin ist, Atmosphäre zu erzeugen. Außerdem werden einige interessante Themen angeschnitten (etwa die Perspektive von GhostBird). Leider bleiben nicht nur die Antworten auf die übernatürlichen Fragen aus (das ist denke ich nur folgerichtig, denn es gehört zu dem, was die Bücher erzählen, dass nicht alles erklärt werden kann), sondern auch auf einige "menschlichere Fragen". Damit meine ich - warum hat wer wann was gemacht? Da hätte ich mir etwas mehr Aufklärung erwartet. So fühlt man sich am Ende ein wenig wie am Ende von Lost, nur dass man dort etwas mehr Vorwarnzeit hatte. Außerdem ist schade, dass in beiden Teilen relativ wenig passiert. Sie leben vor allem von Introspektive in verschiedene Charaktere, von myteriösen Ereignissen und Fragen und eben von Atmosphäre. Trotzdem hat mir Authority noch gut gefallen, Acceptance etwas schlechter. Vielleicht aber auch deshalb, weil ich in einem dritten Teil einfach eher Antworten erwarte und daher eine andere Perspektive hatte... Ich bleibe jeweils bei 3/5, fand den letzten Teil dabei am schwächsten und den ersten mit Abstand am besten. Vielleicht hätte dieser als Einzelwerk auch doch eine etwas höhere Bewertung verdient als ich oben gegeben habe, aber eben mit der Warnung "Erwarte keine Antworten".


    Jorge Cham, Daniel Whiteson - We have no Idea: A Guide to the Unknown Universe

    Einer der Autoren steckt hinter den PHD-Comics, was man an den Illustrationen merkt. Es geht darum, was die Wissenschaft heute alles noch nicht weiß (z.B: Dunkle Materie, dunkle Energie, kleine Teilchen, Urknall, was sind Zeit und Raum usw). Das ist auf sehr flapsige Art gemacht. Den entsprechenden Humor muss man mögen... Ich empfand ihn als "zum schmunzeln" aber selten als wirklich lustig und manchmal auch als etwas bemüht. Trotz diesem flapsigen Stil kam ich mir so vor als würde ich einiges lernen und mit meinen mangelnden Physik-Kenntnissen fühlte es sich so an, als wäre das auch im Kern richtig. Bei ein, zwei Aussagen, die aber auch mal mathematischen Inhalt hatten und die völlig falsch waren (Beispiel: Bei der Zahl "0,0000....00001" würden "unendlich" (!) viele Nullen vor der 1 stehen (bzw. stehen können)), kam ich dann aber ins Grübeln ob nicht bei den anderen Inhalten auch Fehler sind, die ich nur nicht bemerkt habe... Da mir fachliche Korrektheit in einem solchen Buch schon wichtig ist und die beiden Stellen die ich fand, für mich schon eklatant waren, gebe ich daher nur 3/5 statt 4/5 Sternen...
     
  5. Paladin

    Paladin Your average writer

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    Regarding Annihilation: Ich hab das erste Buch über Weihnachten gelesen und kann es nur weiterempfehlen. Der beste Vergleich, den ich ziehen kann, ist: Der Grusel von Lovecraft, aber halt in kompetenter Prosa. Und mit weniger Rassismus.
     
  6. Arodon

    Arodon Kleriker des Helm

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    Weil ich Tolotos Besprechung gerne mag und auch schon das ein oder andere Buch das er empfohlen hat, gekauft habe, nehme ich mir mal vor hier auch einzusteigen und zu den von mir gelesen Büchern was zu sagen - mal sehen wie lange ich das durchziehe.

    Juan Gabriel Vasquez: Das Schweigen der kleinen Dinge
    Der Ich-Erzähler ist ein junger kolumbianischer Jura Professor der Mitte der 90er in Bogota Opfer eines Anschlages wird und nur knapp überlebt. Ein Bekannter von Ihm (dem der Anschlag scheinbar gegolten hat) kommt dabei ums Leben. Thema des Buches ist nun zum einen wie sich das Überleben bzw. das verletzt-werden auf das weitere Leben des Protagonisten auswirkt, zum anderen, wie er sich hineinsteigert mehr über das Leben seines ermordeten Bekannten zu erfahren. In Zuge dessen wird die Geschichte von dessen amerikanischer Ex-Frau erzählt und in den Fokus genommen, dass fand ich spannend und auch pointiert und überaschend. Ganz nebenbei werden dabei harte Absurdidäten der Entwicklungshilfe in den 70ern dargestellt und auch ansonsten gibt es ein-zwei sehr packende Erzählelemente.
    Während mir die Geschichte des Bekannten und seiner Ex-Frau sehr gefiel und mich überzeugt hat fand ich Charakterentwicklung und Storyline des Erzählers relativ vorhersehbar und unspannend.
    Aber ich mag Romane, die einem ein fitzelchen Einblick in ein anderes Land geben, darum reicht es für 3/5.

    Gaze Boralioglu: Der Fall Ibrahim
    Ein junger Mann nahmens Ibrahim ist in Istanbul verschwunden, das ist die Information die man von Anfang an hat. Eine Reporterin versucht herauszufinden, was geschehen ist und reist daher durch die Türkei (In der Heimat, Unterwegs und Istanbul sind die drei Kapitel) und interviewt verschiedene Menschen die ihm in seinem Leben begegnet sind. Der springende Punkt in dem Buch ist, dass die ausschließliche Erzählform die Niederschriften dieser Interviews (insb. nur die Antworten der entsprechenden Leute) ist, nichts sonst.
    Diese Erzählstrategie funktioniert sehr gut, es wird unfassbar deutlich wie verschieden die Wahrnehmung von verschiedenen Seiten sind, es wird gleichzeitig sehr deutlich was passiert und warum gewisse Leute gewisse Bilder erzählen.
    Manche Sachen bleiben auch sehr lange offen, man weiss eigentlich bis zum Ende nicht wo das ganze hinführt.
    Mir ist zum Beispiel relativ unklar was es jetzt eigentlich mit den 1000 Dollarn auf sich hat. Irgendwann erzählt ja irgendwer davon dass er nen Haufen Geld dabei hatte, aber vielleicht hat sich das der Onkel nur ausgedacht um zu erklären warum er abgehauen ist?
    Der Nachteil der Erzählperspektive ist natürlich, dass man alle Leute nur ganzganz kurz kennenlernt und eigentlich die ganze Zeit denkt, uiii, da würde ich jetzt aber gerne mehr drüber wissen oder den kennenlernen, aber man fliesst einfach weiter und kommt nie wieder zurück, das ist gewöhnungsbedürftig, aebr eigentlich sehr schön.
    Achja, die Lebensgeschichte von Ibrahim ist irgendwie auf jeden Fall sehr tragisch und auch brutal, dadurch das man aber weiss das am Ende das Verschwinden steht kommt die Tragik nicht plötzlich (und daher bei mir auch nicht stark) sondern ist einfach immer präsent.
    Ich habe es auf jeden Fall gerne gelesen (an einem Wochenende) und im Nachhinein finde ich es auf jeden Fall lesenswert, beim Lesen selber hat es mich irgendwie nicht so unfassbar gepackt. 3,5/5.
     
  7. Tolotos

    Tolotos Haluter

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    @Arodon: Danke für das Lob. Dein Beitrag hat mir auch etwas gebracht, das zweite vorgestellte Buch hört sich sehr interessant an. Ist vorgemerkt.

    Ich habe lange nichts mehr gepostet, denn das letzte "Buch", das ich gelesen habe, war eine ganze Webserie und diese hatte 1,7 Mio. Wörter. Das ist ungefähr soviel wie alle fünf Bücher von ASOIAF. Damit ist man eine Weile beschäftigt:

    Wildbow - Worm
    In der Webserie Worm geht es um eine Welt, in der Superkräfte alltäglich sind. Die Protagonistin ist eine Teenagerin, die die Fähigkeit hat, Insekten zu kontrollieren. Gelegentlich liest man auch mal Kapitel aus anderen Blickwinkeln, aber hauptsächlich wird die Geschichte aus ihrer Sicht erzählt. Die größte Stärke von Worm ist sicherlich das überragende Worldbuilding - das Setting wirkt sehr durchdacht und im Rahmen des vorgegeben Settings auch sehr realistisch - es gibt etwa universitäre Forschung zu Superkräften und dazu, wie diese zustande kommen; es gibt eine riesige Internet-Community inklusive Fanbase zu den verschiedenen Superhelden und -Schurken; gute PR nimmt eine wichtige Rolle für verschiedene Organisationen ein usw. Das sind jetzt Dinge, die eher am Rande angeschnitten werden, aber gerade an solchen "Randthemen" merkt man oft, wie "breit" die Welt wirklich durchdacht ist. Eine weitere Stärke sind die sehr guten Charaktere, die sich bis auf einige Pyschopathen in die verschiedensten Graustufen aufteilen. Das kann man etwa mit ASOIAF vergleichen: Auch hier gibt es einige Ramsay Boltons, die vielleicht etwas zu langweilig gezeichnet sind, aber die meisten Charaktere sind eben nachvollziehbare Personen, die man nicht einfach als "gut" oder "böse" klassifizieren kann.
    Sehr interessant in dieser Hinsicht sind z.B. Rachel/Bitch, von der man nach einiger Zeit erfährt, dass eine Nebenwirkung ihrer Kraft ist, dass sie menschliche Interaktion nicht versteht und eher "wie ein Hund" denkt/einordnet/reagiert - kein Wunder, dass sie ständig gereizt ist und sich dumm/unterlegen fühlt, wodurch sie sehr aggresiv auftritt. Oder aber die Entwicklung von Armsmaster (zu Defiant).
    Moralische Fragen sind auch einer der Hauptpfeiler des Inhalts. Die alte Frage nach dem Zweck, der die Mittel heiligt erhält nochmal eine andere Ebene, wenn "Precog"-Superkräfte, d.h. solche, die in einem gewissen Rahmen die Zukunft vorhersagen können, vorkommen. An der Stelle sollte man auch erwähnen, dass die vorkommenden Superkräfte sowohl größtenteils sehr kreativ sind, als auch sehr clever und interessant eingesetzt werden. Gleichzeitig werden diese Kräfte meistens sehr klar definiert, spätestens wenn man aus Sicht der entsprechenden Person liest (klar, die anderen müssen ja nicht unbedingt wissen, was wer genau kann). Schließlich hat Worm mich auch in emotionaler Hinsicht an einigen Stellen deutlich mitgenommen, etwa
    der erste Auftritt eines Endbringers, von Leviathan, der sehr gut verdeutlich, was solche Kämpfe bedeuten. Der erste Auftritt von Behemoth. Für mich aber vor allem das Ende von Eidolon (bzw. die Erklärung von Scions Worten), das eine sehr dramatische Wucht hatte.
    Das Ende der Serie hat mir auch gut gefallen, wobei ich ein Ende noch vor dem finalen Epilog sogar noch etwas besser gefunden hätte.
    Nachteile hatte Worm aus meiner Sicht aber auch: Der Fokus liegt für mich zu sehr auf den Kämpfen. Diese sind sehr gut geschrieben und abwechslungsreich, dadurch fand ich es noch okay, aber etwas weniger wäre für mich hier trotzdem interessanter gewesen - sehr oft kommt es zu kapitellangen Kampfszenen. Zwischenzeitlich gab es für mich deutliche Pacingprobleme:
    Die Abfolge S9/Coil/Echidna war zu sehr "ohne Atempause". Das soll sicherlich verdeutlichen, wie extrem Taylors Leben in dieser Zeit war, aber für mich war das in der Form wieder so extrem, dass es meine Suspension of Disbelief gebrochen hat. Sogar falls jemand der das, was hier beschrieben wird so dicht hintereinander so gut übersteht, vorstellbar ist, so ist es für mich schwerer mit einem solchen jemand Empathie zu empfinden, da das einfach "zu weit weg" ist.
    Außerdem hat man einen Großteil der Serie schon den Eindruck, dass es einen Plotarmor für Hauptpersonen in folgendem Sinn gibt:
    Zum einen übersteht Taylor schon sehr viele sehr extreme Sachen ohne wirklich dauerhafte Konsequenzen (fast alles kann irgendwann geheilt werden). Zum anderen kann man sich lange Zeit nicht vorstellen, dass einer der Undersider wirklich sterben könnte. Spätestens als Grue sein Martyrium durch die S9 übersteht, empfand ich das als etwas gezwungen. Die Erklärung war in dieser Situation durchaus logisch, aber dadurch, dass es schon einige Male angetäuschte Tode gab (insbesondere Tattletale beim Angriff von Leviathan) hatte ich spätestens dann den oben erwähnten Eindruck, dass niemand der Undersider sterben kann. Sehr zu gute halten muss man dem Buch an dieser Stelle aber, dass das Ganze auf Grue durchaus sehr realistische Konsequenzen hat. Dadurch hat diese Stelle für mich im Nachhinein sehr gewonnen.
    Schließlich war der Plot um
    die Slaughterhouse 200,
    für mich klar der schwächste Teil der Serie:
    Einerseits war diese Bedrohung in ihrer Ankündigung jetzt wirklich völlig "over the top" - wie wird man noch gefährlicher als die Slaughterhouse 9? - Man nimmt einfach 20 mal die Slaughterhouse 9. Andererseits war die Bedrohung in ihrem wirklichen Auftreten dann geradezu lächerlich harmlos. Dort werden mal eben zwei Mannequin ausgeschaltet, dort ein King und vier Hatchet Faces und acht Crawler oder einige Siberians usw. Und das alles ohne dass man je (außer im finalen Kampf mit den Harbringern usw.) Angst haben musste, dass irgendeinem Helden irgendwas passieren kann. Vorher war es eher noch so, dass ein Mitglied der S9 es direkt mit einigen Capes aufnehmen und gewinnen konnte (sehr gut in der Hinsicht z.B. der erste Auftritt von Shatterbird). Und jetzt lassen die sich gleich reihenweise abschlachten. Ich habe schon mitbekommen, dass sie als Klone schlechter als das Original waren. Aber in diesem Ausmaß wurde ihnen wirklich fast alles an Bedrohlichkeit genommen...
    Insgesamt hat mir Worm sehr gut gefallen, aber es hatte für mich eben auch durchaus merkliche Schwächen. Ich vergebe 4/5 Punkten.
    Vor dem Sequel muss ich aber jetzt erst mal noch etwas anderes lesen.
     
  8. Tolotos

    Tolotos Haluter

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    Cormac McCarthy - The Road
    Ein Vater und sein Sohn sind in einer Welt nach einer undefinierten Katastrophe unterwegs und versuchen zu überleben. Ein Buch, das ich nur sehr schwer einordnen kann. Einerseits ist die Atmosphäre, die erzeugt wird bedrückend und erzeugt wirklich Endzeitstimmung. Und bringt einem damit auch zum Nachdenken - was würde man selbst in so einer Situation machen: Würde man nur des Überlebens willen überleben wollen? Oder des Überlebens seines Kindes wegen? Ist Überleben unter solchen Umständen etwas positives? Auf der anderen Seite bin ich mit dem Schreibstil leider nicht gut klargekommen... Sowohl die Satzkonstruktionen als auch der Wortschatz wirkten mir manchmal zu "gezwungen künstlerisch/regelbrechend", ohne dass ich darin einen Mehrwert erkennen konnte. Ein Beispiel um zu zeigen, was ich meine ist die Verwendung von "dont" statt "don't". Dieses Beispiel an sich ist nicht dramatisch, aber es illustriert ganz gut, was mich auch an anderen Stellen/Konstruktionen gestört hat. Die Dialoge wiederum, an denen ich auch schon Kritik gelesen habe, sind zwar sehr abgehackt/knapp, aber gerade dadurch illustrieren sie für mich sehr gut die Stimmung der beiden Protagonisten. Insgesamt vergebe ich 3/5 Punkten.

    Ivan Ertlov - Kolonie: Im Schatten der Matriarchin

    Das Buch handelt von einer Invasion sehr menschenähnlicher (vor allem im Denken) Außerirdischer, der sog. Onur. Dabei wird Wert darauf gelegt, dass eine solche Invasion als Vernichtungskrieg nicht unbedingt Sinn macht, sondern ähnlicher zu unserem Imperialismus (siehe auch den Titel) ablaufen könnte. Ich mag viele der Ideen des Buches - die Idee, die Kolonialisierung in dieses Szenario zu übertragen fand ich spannend. Obwohl die extreme Ähnlichkeit der Onur zu Menschen irgendwie etwas "einfallslos" wirkt. Aber für die Grundprämisse ist sie natürlich nötig, daher ist das in der Form schon okay. Krieg so darzustellen, dass er oft von Missverständnissen und Einzelnen ausgelöst wird, während ein Großteil der Handelnden auf beiden Seiten "gut"/"vernünftig"/... handeln, finde ich interessant. Und ich mag es auch, wenn Szenarien sehr gut in die Realität eingebettet sind.
    Trotzdem konnte mich das Buch leider nicht wirklich überzeugen... Woran lag das? Einerseits, und das war mein Hauptproblem, sind für mich die Charaktere absolut belanglos/austauschbar, vor allem auf menschlicher Seite. Während die Onur teilweise interessant waren (v.a. die Matriarchin), teilweise aber auch etwas klischeehaft waren (v.a. Ashkarr), waren die menschlichen Charaktere eigentlich alle sehr farblos.
    Ein weiterer Kritikpunkt waren Stellen, an denen einzelne Akteure so schwer von Begriff waren, dass man als Leser sogar irritiert ist. Beispiele:
    Wenn man seine eigentliche Feuerkraft nicht zeigt und der zuständige Entscheidungsträger seinem Untergebenem gegenüber erklärt, dass die verwendete Taktik Analogien zum Bluffen beim Pokerspiel hat, aber "dass man genau das Gegenteil mache, wie mit einem beschissenen Blatt so zu machen, als ob man gute Karten hätte" - dann ist es einfach nicht glaubwürdig, dass als Antwort kommt "Warum feuern wir so wenig? Und was hat das mit Bluffen zu tun?"
    Eine ähnliche Szene gibt es schon einmal am Anfang, wenn das Affenmenschen-Briten-Beispiel von Jan Köhler. Am Ende davon kommt "Eine nette Geschichte, aber was hat das mit dem galaktischen Zoo zu tun?", obwohl die Analogie sehr offensichtlich wirkt. Das sind die eklatantesten Stellen. Dass die Onur teilweise extreme Fehler begehen, wird wiederum durch deren mangelnde Kreativität/Improvisationsfähigkeit usw. sinnvoll erklärt. Ein Feind, der auf wirklich jede Finte reinfällt, ist aber eben auch nicht unbedingt spannend.
     
  9. Schuck

    Schuck Fürst des Chaos

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    Schöne Kritik zu The Road. Lese immer wieder davon, wie es auf reddit gehypet wird, aber bin mit dem Buch auch nicht recht warm geworden und hab es irgendwann nach der Hälfte liegen gelassen, was ich selten tue. Eventuell irgendwann noch einmal anpacken, hat ja auch nicht mal 300 Seiten.