Buchkritiken - Das Topic für Leseratten, Teil 2

Dieses Thema im Forum "Die Taverne" wurde erstellt von Doc Sternau, 4. September 2003.

  1. Tolotos

    Tolotos Haluter

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    James A. Corey - Nemesis Games
    Der fünfte Teil der Expanse-Reihe hat alle vier Crew-Mitglieder der Rocinante als POV-Charaktere. Dadurch wird (endlich! - für mich waren zumindest Alex und Amos, und mit Abstrichen sogar Naomi vorher deutlich zu wenig charakterisiert) allen etwas mehr Hintergrund und Profil gegeben. Das hat mir sehr gut gefallen und hätte der Reihe wie in der Klammer angedeutet wohl schon früher gutgetan. Trotzdem erzählt das Buch
    nicht die intime Geschichte zu jedem der Charaktere, nach der zuerst aussieht, sondern eine von immanenter Bedeutung fürs ganze Sonnensystem. Schön ist dabei, dass es spürbare Konsequenzen gibt, und auch dass der Gegenspieler/die Gegenspieler ausnahmsweise mal keinen "Monster-of-the-Week"-Charakter haben (d.h. am Ende Geschichte sind).
    Das ganze wird spätestens nach dem ersten Drittel wie üblich sehr spannend erzählt, wobei durch die
    extremen Ereignisse die Spannungsschraube durchaus nochmal fester angezogen ist als in den vorherigen Teilen.
    Allerdings ist man durch die vorigen Bände so sehr gewohnt, dass
    zumindest die vier Hauptcharaktere einen Plot Shield haben, dass zumindest bei mir kaum Spannung aufkommt, ob jemand ernsthaft was passiert, sondern mehr wie er wieder rauskommt, und was mit dem Rest passiert.
    Gut gefallen hat mir vor allem Naomis Strang, nicht zuletzt wegen der
    moralischen Dillemata, in die sie immer wieder gerät. Es ist spannend und emotional mitreißend wie sie damit jeweils umgeht.
    Während des Lesens dachte ich gelegentlich, dass große Plot-Teile etwas übertrieben sind, aber
    als gegen Ende aufgedeckt wird, wie Inaros zu so viel Einfluß kam, macht dieser Teil wesentlich mehr Sinn.
    Leider gab es wie immer einige sehr Hollywoodfilm-reife Actioneinlagen und insbesondere Punktlandungen -
    Naomis Rettung, Alex & Bobbies Flucht vor den ersten Schiffen, das Bekanntwerden der Sabotage der Rocinante - alles muss natürlich in absolut letzter Sekunde passieren...
    Ein Teil der Expanse-Reihe, der mir insgesamt sehr gut gefallen hat. 4/5
     
  2. Tolotos

    Tolotos Haluter

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    Christoph Neumann - Darum nerven Japaner
    Ein Buch, das für mich sehr schwer zu bewerten ist. Den Inhalt kann man dem Titel gut entnehmen - der in Japan lebende Autor regt sich über kleinere und größere Macken auf, die bei Japanern oft auftreten. Bewertet man nur den Inhalt, so hat mir das Buch durchaus gefallen. Es besteht vorwiegend aus Anekdoten (was man bei einem Buch dieses Titels sicher erwarten kann) und die Momente, in denen der Autor über die Ursachen der von ihm beobachteten Szenarien nachdenkt, gehören zu den schwächeren (weil oft völlig unbelegte/unterbelegte Spekulation), aber diese Anekdoten sind interessant (amüsant nur selten), weil sie oft über das "typischste" Wissen, das man über Japan hat hinausgehen. Ich war drei Wochen in Japan und habe dementsprechend auch den ein oder anderen Reiseführer (an)gelesen, habe mich aber sonst nicht intensiv mit dem Land beschäftigt und habe mit dem Kenntnisstand viel gelesen, was ich vorher noch nicht gehört hatte. Leider zieht die Art, in der dieser Inhalt präsentiert wird, das Buch massiv runter. Der Autor hat eine sehr überhebliche/selbstgerechte und von "liebevoll meckern", oder, vielleicht sogar noch interessanter "ernsthafte Probleme Kritik sachlich üben"m was ich mir auch bei diesem Titel erhofft habe, kann nicht im Ansatz die Rede sein. Noch verschlimmert wird dieses Manko davon, dass der Autor teilweise seine eigenen Positionen über Positionen, die alle/viele Menschen in Europa teilen, darstellt (auch das auf eine sehr selbstverliebte Art), die sicher nicht so breiten Konsens finden, wie er vielleicht denkt (Beispiel: "Jeder (sic!) junge Erwachsene (er schreibt unter 30, der an einem Samstag abend zu Hause ist, entweder krank, muss lernen (für die Uni) oder ist in einer Beziehung." Sogar wenn man das zur offensichtlich gemeinten Aussage "Die meisten..." abschwächt und "zu Hause" durch "alleine bzw. zu zweit zu Hause" ersetzt, halte ich diese Behauptung für schwierig - ja, auch bei uns gibt es Leute in dem Alter, die an einem Wochenende mal lesen. Oder eine Serie schauen. Oder Zocken. Oder einfach rumgammeln. Vielleicht kann man die Aussage retten, wenn man dann noch "der jeden Samstag alleine zu Hause ist" draus macht, aber das will er dem Kontext gemäß eher nicht aussagen. Anderes Beispiel: Der Autor ist enorm entzürnt, dass die Polizei einen Diebstahl seiner Geldbörse nur verfolgen will, wenn er als Opfer verlangt, dass dieser Diebstahl verfolgt wird. Und schreibt, dass es in Deutschland völlig absurd wäre, würde die Polizei/Staatsanwaltschaft ihr Verhalten von der Meinung des Opfers abhängig machen. Eins von vielen Zitaten (die anderen sind deutlich empörter, aber das habe ich auf die Schnelle als erstes gefunden): "<< Nein, Sie sind der Geschädigte. Wenn Sie ihm verzeihen, dann lassen wir ihn laufen >> Ist diese Linie etwa offiziell von im japanischen Strafgesetzbuch vorgesehen? Das kann ich mir kaum vorstellen. Diebstahl ist schließlich ein Verbrechen gegen die öffentliche Ordnung, und deswegen muss die Polizei ermitteln, ob der Geschädigte nun verzeiht oder nicht." Überraschung, lieber Autor: Auch in Deutschland gibt es Offizialdelikte. Und Diebstahl in leichten Fällen muss nichtmal eines sein. Ganz so offensichtlich scheinen seine Werte also auch im Westen nicht zu sein).
    Leider lassen diese seltsamen Kommentare über die Situation in Deutschland dann auch nicht gerade hoffen, dass die Situation in Japan allzu objektiv wahrgenommen und beschrieben wird. Und im Endeffekt bin ich trotz des interessanten Inhalts mit einem schlechten Gefühl aus dem Buch gegangen, weil ich mich laufend über den Autor aufgeregt habe. 2/5
     
  3. Tolotos

    Tolotos Haluter

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    John Grisham - A Time to Kill
    Dabei handelt es sich um das Erstlingswerk von Grisham. Es geht um einen Mann, der in Selbstjustiz die Männer tötet, die seine zehnjährige Tochter brutal vergewaltigt haben. Genauer gesagt, um einen Schwarzen, der das macht. Denn anders als man zunächst denken könnte, geht es in dem Buch nicht hauptsächlich um Selbstjustiz (die damit verbundene moralische Fragestellung wird nur selten mal und nie auf interessante Art diskutiert angesprochen), sondern vielmehr um die Rassenproblematik (es spielt im Mississipi der 80er): Allen im Buch scheint klar zu sein, dass ein Weißer, der den gleichen Mord an schwarzen Vergewaltigern begangen hätte, freigesprochen werden würde - die Frage ist also nur noch, ob auch alles fair zugeht. Das hat das Thema des Buchs für mich leider deutlich unattraktiver gemacht - es war zwar interessant, etwas darüber zu erfahren, wie die Stimmung in den USA zu dieser Zeit war und auch wie das amerikanische Justizsystem funktioniert (und wie absurd es für mich ist - wozu braucht man Gesetze, wenn, wie in diesem Fall, bei offensichtlich festgestellter Schuld sich die Jury trotzdem drüber hinwegesetzen kann). Allerdings gab es für mich sonst keine interessanten Fragen/Gedanken, da für mich die moralische Einordnung des Falls sehr klar ist und das ja auch nicht im Fokus des Buchs ist.
    Leider sind die Charaktere zusätzlich nicht sehr sympathisch - der Protagonist wird unterstützt von seinem ständig betrunkenen Arbeitgeber und fängt, obwohl er wegen seiner Frau eigentlich keinen Alkohol mehr trinkt, im Laufe des Buchs auch damit an, sich ständig zu betrinken - vielleicht soll das zeigen, wie brutal die Zeit eines solchen Prozesses auf einen Anwalt wirkt. Für mich kam dabei aber nur rüber, dass der Protagonist unprofessionell (er trinkt oft auch recht knapp vor Verhandlungstagen viel) wirkte. Außerdem sieht er sich zwar als sehr liberal, äußert er laufend Meinungen, die oft sehr grenzwertig sind (Schwule stören ihn zumindst nicht, obwohl sie einiges verpassen, und mit einem befreundet sein könnte er auch nur, wenn er das nicht wüsste; Todesstrafe ist wichtig und richtig). Hat bestimmt mit dem Zeitgeist und dem Ort der Handlung zu tun, aber wenn dann der Autor im Vorwort erwähnt, dass vieles, was dieser Jake äußert seiner eigenen Meinung entspricht, macht es diesen auch nicht gerade sympathisch.
    Weiter hat mich das Ende leider nicht überzeugt. Dass die Jury am Ende
    durch den billigen Trick überzeugt wird, sich vorzustellen, dass ein Weißer die Tat begangen hätte, was vorher ungefähr hundertmal diskutiert wird... Vielleicht ist es nicht mal unglaubwürdig, aber es ist jedenfalls kein befriedigendes Ende.
    Insgesamt kann ich das Buch leider nicht empfehlen. 2/5
     
  4. Tolotos

    Tolotos Haluter

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    Cixin Liu - Die drei Sonnen
    Habe diesen ersten Teil einer Trilogie gehört, nicht gelesen. Dafür waren die chinesischen Namen gar nicht so praktisch, denn wenn ich bei einem vorgelesenen Namen nicht im Kopf habe, wie ich diesen schreiben würde, fällt es mir anscheinend schwerer, mir diesen zu merken.
    Aber zum Inhalt des Buches - es geht im Wesentlichen um die Kontaktaufnahme zu Außerirdischen.
    Die außerirdische Zivilisation und die Bedinungen unter denen sie sich entwickelt hat, waren ungewöhlich und interessant (wenn auch noch nicht ausführlich präsentiert bzw. sehr durch die Brille der Menschheit bzw.
    des Spiels Three Body
    DIe (kleinen) Einblicke in die Kulturrevolution und einige Gedanken zur Rolle der Wissenschaft haben mir auch gut gefallen. Ebenfalls positiv war, dass das meiste, was beschrieben wurde wissenschafltich korrekt wirkte.
    Erst die aufgefalteten Protonen und deren Einsatz schienen mir arg fantastisch, ohne dass ich aber genug Ahnung von Physik habe, um diesen Teil sicher einordnen/bewerten zu können.
    Außerdem bietet das Ende eine interessante Ausgangssituation und lässt mich durchaus gespannt auf die anderen Bücher zurück. Damit verbunden ist dann aber auch das was mich am meisten störte - am Ende fühle ich mich wie nach einem Prolog. Für mich muss der erste Teil einer Trilogie nicht für sich stehen, und es durchaus ok, wenn es keinen guten Abschluss gibt. Aber etwas mehr, als dass die Ausgangssituation klar wird, sollte für mich doch passieren. Damit einhergehend war die Spannung im Laufe des Buchs nicht gerade hoch.
    Dazu kommt, dass ich die Charaktere nicht sehr überzeugend fand. Shi Qiang hat zumindest Charakter, und Ye Wenjie war auch ok, aber gerade der Protagonist Wang Miao blieb bis zum Ende sehr nichtssagend. Er war mehr das Medium, durch das man das Geschehen beobachtet hat, als eine interessante Person.
    Obwohl am Ende viele unglaublich wirkende Dinge vom Anfang erklärt werden,
    konnte ich mich außerdem nicht damit anfreunden, dass reihenweise Physiker Selbstmord begehen, wenn die Physik scheinbar nicht mehr so funktioniert, wie sie glauben. Dass das vorkommt - ok. Aber dass das quasi als "Standardreaktion" eines hochrangigen/passionierten Physikers dargestellt wird, schien mir doch arg übertrieben.
    Insgesamt ok und ich habe trotz der Schwächen Lust auf die nächsten Bücher. 3/5

    Stephen Deas - The Adamantine Palace
    Fantasy mit recht klassischer Ausgangslage von neun Reichen und Adligen, die um die Herrschaft über diese Königreiche intrigieren. Sehr brutale Welt, gehört vermutlich zu den Werken, die man als "Grimdark" klassifiziert. Mir hat das Buch sehr gut gefallen. Ich sollte aber gleich dazu sagen, dass ich es trotzdem nicht (jedem) empfehlen würde, da es durchaus deutliche Schwächen hat. Der Reihe nach. In "The Adamantine Palace" passiert ständig etwas. Und das ist dann selten Action in Form von Schlachten und Kämpfen, sondern vielmehr passiert etwas in Form von Intrigen und Plots. Diese sind nicht allzu ausgefeilt, aber interessant genug, dass man gespannt weiterliest. Einer der Gründe, warum mir das Buch so gut gefallen hat, war vermutlich dieser Fokus sowie dass das Buch sich dadurch in Verbindung mit den sehr kurzen, aber ereignisreichen Kapiteln sehr spannend und schnell las.
    Ein weiterer klarer Pluspunkt war der sehr interessante Umgang mit Drachen:
    (die meisten) Drachen sind hier "eigentlich" brutale Monster, für die Menschen irgendwo zwischen Ungeziefer und Futter rangieren. Durch ein Gebräu von sogenannten Alchemisten werden sie aber ruhiggestellt und führen brav Befehle ihrer menschlichen Reiter aus - so lange sie weiter mit dem Trank versorgt werden. Natürlich komnt es im Laufe des Buchs (anscheinend erstmals seit Langem) dazu, dass einige Drachen "erwachen". Dass diese dann erstmal von Rachegedanken gegenüber der Menschheit erfüllt werden ist absolut verständlich - vielleicht denkt man auch als Leser im ersten Moment: Jawoll, zahlt es denen heim, die haben euch unterdrückt und Untertan gemacht. Das wird aber schnell fragwürdig, wenn klar wird, wie die Einstellung der meisten Drachen gegenüber Menschen ist - und scheinbar (bisher nur anhand weniger Visionen zu beurteilen) auch schon vor Erfindung des erwähnten Trankes war - war es nicht sowas wie Notweher (einer ganzen Spezies) einen solchen Trank zu erfinden? Das Ganze ist interessant und für mich durchaus moralisch vielschichtig.
    Was sind dann also die Schwächen? Zum einen die Charaktere - diese sind großteils Klischees und/oder sehr knapp beschrieben (was bei der Vielzahl an Charakteren und "nur" 360 Seiten vermutlich nicht anders geht). Eine emotionale Bindung habe ich zu kaum jemand (! - wäre es niemand, würde ich wohl deutlich schlechter bewerten) aufgebaut - vielleicht auch weil gerade die Charaktere
    , die man länger begleitet, entweder sterben oder klar verabscheuenswürdig sind.
    Ich bin auch nicht sicher ob so viele, so häufig wechselnde POV-Charaktere nötig waren.
    Vor allem an den Stellen, an denen man denkt "War der jetzt nur POV, damit der Tod schockender ist?"
    Auch die Welt wirkt bis auf die oben ausführlich gelobte Darstellung der Drachen bisher sehr generisch.
    Ich vergebe sehr subjektive 4/5, kann aber auch sehr gut verstehen, wenn andere das Buch (deutlich) schwächter bewerten...
     
  5. Tolotos

    Tolotos Haluter

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    James Smythe - The Explorer
    Ein Science-Fiction-Roman, der in der sehr nahen Zukunft spielt. Protagonist ist ein Journalist, der den ersten durch private Unternehmen finanzierten bemannten Weltraumflug begleitet, dessen Ziel es ist, dass Menschen weiter (raus ins All) kommen, als bisher je ein Mensch gekommen ist.
    Sehr früh wird klar, dass die Crew im Laufe des Flugs stark dezimiert wurde (der erste Satz des Buchs beginnt "One of the first things I did when I realized that I was never going to make it home - when I was the only crewmember left,..." - das ist also wirklich kein Spoiler). Den Satz in der Klammer habe ich nicht nur zitiert, um mich von Spoilervorwürfen freizuwaschen, sondern auch um eine große Stärke des Buchs zu illustrieren: der packende Anfang. Es ist in letzter Zeit selten vorgekommen, dass ich so schnell so interessiert und gespannt in ein Buch vertieft war.
    Nach nicht allzu langer Zeit
    nimmt die Handlung dann eine unerwartete Wendung - es geht nicht wirklich um das Erkunden des Alls, und auch nur mittelbar über den Flug dieser Crew (der am Anfang des Buches ja schon vorbei ist/oder auch nicht), sondern es geht um den Protagonist, der in einer Zeitschleife festsitzt.
    Dieses Thema mag ich sehr, daher konnte ich dem Buch ab der Zeit noch einiges abgewinnen. Eingeflochten sind Rückblicke auf die Zeit vor dem Flug, die etwas weniger spannend sind, aber Hintergrundinformationen liefern und so die Beziehungen der verschiedenen Crewmitglieder plastischer machen.
    Das Buch leidet ein wenig darunter,
    dass der Protagonist einen Großteil der Zeit zu absolutem Nichtstun verdammt ist. Dadurch und da man die Ereignisse ja prinzipiell nicht kennt, passiert lange Zeit nicht viel.
    Da das Ganze aber gut geschrieben ist und das Innenleben des Protagonisten gut dargestellt wird, fällt das nicht allzu sehr ins Gewicht, und ich habe das Buch trotzdem mit Spannung gelesen.
    Ein großer Schwachpunkt sind dann leider die Logikfehler. Wissenschaftliche Ungenauigkeiten, die viele bemängeln (warum gibt es Gravitation gerade, wenn das Schiff stoppt? u.ä.) stören mich nicht allzu sehr. Aber mit größeren Unglaubwürdigkeiten
    Die überraschende Information, dass die Frau des Protagonisten sich kurz vor Abreise umgebracht hat, erhält man als Leser sehr spät. Da man den ganzen Roman im Kopf des Protagonisten verbringt, wirkt das nicht ehrlich.
    und vor allem einem Logikloch (bzw. präziser einer ausgelassener Erklärung) in der Haupthandlung (wenn ich nichts falsch verstehe)
    Cormac gerät beim ersten Mal in die Anomalie und macht dadurch die Zeitreise mit. Dann durchlebt er alles noch einmal (und löst vieles durch seine erneute Anwesenheit erst aus) und sorgt am Schluss immer wieder dafür, dass sein junges Alter Ego wieder in die Anomalie gerät (oder verhindert das zumindest nicht).
    Wie funktioniert das Ganze? Bei der ersten Zeitreise behält er sein Gedächtnis, reist aber zurück. Bei allen weiteren reist er in den gleichen Körper (?!) zurück, in den er schon einmal zurückgereist ist, erinnert sich bewußt nur noch an alles vor der ersten Zeitreise, hat aber vermutlich auch die anderen Durchgänge im Unterbewußtsein?
    Und wer reist jetzt am Ende? Wenn es bisher (bis zum Ende des Buchs) immer der junge Cormac war, macht es keinen Sinn, dass sich die Narben sammeln - da ja dann immer der junge wieder zurück reist, der von der bisherigen Zeitreiseerfahrung nichts mitgekriegt hat. War es aber bisher immer der alte, der reist, so machte es keinen Sinn, dass das Gedächtnis an die Erlebnisse des jungen Cormac da ist, das an die Erlebnisse des älteren aber eben weg.
    Oder ist es wilkürlich so, dass man bei der zweiten solchen Reise sein Gedächtnis nicht behält?
    Also alles in allem - es kann vielleicht sein, dass man dem ganzen ein logisches Konzept aufsetzen kann (es gibt ja immerhin Folgebände), aber bisher sehe ich dieses nicht...
    komme ich leider nicht klar... Daher bleibe ich bei 3/5. Gefällig, aber hält einer näheren Überprüfung nicht stand. Falls ich selbst einen Denkfehler habe und doch alles Sinn macht, würde ich das Buch wohl sogar etwas besser sehen...

    Agatha Christie - Murder in Mesopotamia

    Schönes Ende. Die ganze Prämisse vom
    verschollenen, aber im Hintergrund präsenten ersten Ehemann
    und
    damit auch das Mordmotiv
    ist sicher etwas "übertrieben"/versponnen (aber in einer Art, wie es bei Christie immer mal wieder vorkommt), aber wenn man das einfach mitgeht, macht alles Sinn.
    Auf dix Täterix (hier machen geschlechtsneutrale Formen mal Sinn) hatte ich zwar getippt, aber die Gründe sowie die Art der Tatausführung bin ich nicht gekommen und vor allem letzteres war sehr interessant.
    Hat mir gut gefallen. 4/5

    Außerdem habe ich in Maskenhandlungen die weitere Kurzgeschichte Telefonspiele gelesen. Die war sinnbildlich für Beren Starks Anmerkungen oben: Ganz stark geschrieben, gut charakterisierte Hauptfigur, aber inhaltlich absolut belanglos (obwohl durchaus kreativ). Schade.
     
  6. Tolotos

    Tolotos Haluter

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    Phone Bitch - Schmutzige Nummern vom anderen Ende der Sex-Hotline
    Diesmal geht es also darum, was eine Telefonsexanbieterin so zu erzählen hat. Es ist schon die ein oder andere amüsante Story dabei, aber deutlich weniger davon, als ich bei dem Thema vermutet hätte. Gerade noch so unterhaltsam. 3/5

    Nathan Hill - Geister (Original: The Nix)
    Ein Roman mit einem sehr weiten Handlungsrahmen - es geht im Wesentlichen um je eine Person (Großvater, Mutter, Sohn) aus drei Generationen einer Familie, bei der der Großvater (älteste Generation, die vorkommt) in den 1940ern aus Norwegen in die USA ausgewandert ist. Es geht um die jeweiligen Eltern-Kind-Beziehungen, aber auch um das sonstige Leben dieser drei und einiger zusätzlicher Nebenpersonen. Dabei ist ein Großteil des Buchs ernst und auf sehr zurückhaltende Art tragisch, es gibt aber auch satirische Stellen und immer wieder wird auf den jeweiligen Zeitgeist (in den USA um 1968 oder auch 2011 kurz nach 9/11) eingegangen.
    Die Geschichte des Buchs ist gut, und vor allem clever erzählt (es gibt 10 Kapitel zu verschiendenen Zeitpunkten, die geschickt ineinander greifen). Die größte Stärke des Buchs liegt für mich aber nicht im Plot, sondern in vielen größeren und kleineren Kleinigkeiten, die man im Laufe dieses Plots begegnet - eine Nebenhandlung über einen MMORPG-Süchtigen, die sehr authentisch wirkt; Kommentare zur heutigen Unilandschaft in den USA pointiert in einem Gespräch zwischen Dozent und die Studentin, ob ihre abgeschriebene Hausarbeit nicht doch zu akzeptieren/verzeihen sei; oder auch viele absolut beiläufig erzählte Gegebenheiten am Rande einer gerade erzählten Szene, die manchmal etwas interessantes, manchmal etwas bekanntes, manchmal auch nichts (oder nichts was ich bemerkt habte) zu sagen haben, aber immer (!) interssant zu lesen sind, egal ob es sich dabei nur um ein Musikvideo im Hintergrund einen Kneipengesprächs oder ähnliche Hintergrunddetails handelt. Das liegt vermutlich auch an der Art, wie sie beschrieben werden - auch, wenn ich nur die Übersetzung kenne, hat mir der Schreibstil sehr gefallen. Immer wieder kommen auch interessante Zitate/Beobachtungen vor, die mich zum Nachdenken (oder direktem Zustimmen) brachten
    Schwachstellen sind mir kaum aufgefallen. Der Charakter "Laura Pottsdam" ist etwas sehr überzeichnet, aber da sie vor allem in den satirischen Parts eine Rolle spielt, war das kein Problem für mich... Vielleicht ist es auch ein etwas großer Zufall, dass
    ausgerechnet der Polizist von damals heute Richter ist, der für Fayes Fall in Frage kommt.
    Und wie oben angedeutet ist der Plot nicht die größte Stärke bzw. nicht immer im Fokus in dem Sinn, dass nicht alles immer zur Haupthandlung beiträgt. Das brauche ich aber auch nicht, solange ich alles, was erzählt wird, interessant finde.
    Insgesamt klare Empfehlung. 5/5
     
    Chinasky gefällt das.
  7. Tolotos

    Tolotos Haluter

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    Bernard Cornwell - The Winter King
    The Winter King ist der erste Teil der Artus-Trilogie. Gerade wegen des Themas habe ich gar nicht so viel erwartet, weil ich eher mit mystischer Verklärung gerechnet habe, was nicht unbedingt meinem Geschmack entspricht. Stattdessen hat Cornwell aber (soweit man das als Laie beurteilen kann) versucht, möglichst realistisch darzustellen, wie es damals gewesen sein könnte. Viel mehr ist anscheinend nicht möglich, denn am Ende des Buchs betont Cornwell selbst, dass die Quellenlage sehr dürftig ist, und sogar die Frage ob Personen wie Artus oder Merlin existierten, nicht seriös beantwortet werden kann. Dennoch wirkt dieser Roman realistisch, die damalige Welt inklusive Aberglauben und Gebräuchen wird glaubhaft zum Leben erweckt. Erzählt wird die Geschichte von einem von Artus' Anhängern (fiktiv), der sich Jahre später als alter Mann an die Geschehnisse zurückerinnert und dabei durchaus öfter die kommenden Ereignisse andeutet. Das passiert aber immer so, dass es spannend bleibt, weiterzulesen. Sehr gut umgesetzt fand ich auch die Schlachten-/Kriegsszenen. Ich hatte von diesen schon als eine Stärke des Autors gelesen, war aber vorher unsicher, was ich selbst davon halten würde, da solche Szenen mich auch schnell langweilen. Zumindest in diesem Buch sind sie sehr gut gelungen - gibt es nichts interessantes zu erzählen, so erfährt man mehr die größeren Implikationen und nur gelegentlich erfährt man von Schlachten auch aus nächster Nähe, dann ist es aber immer auch spannend, interessant und gut geschrieben. Es gab auch kleinere Minuspunkte: Einerseits hat mich am Ende
    die Deus Ex Merlin genervt. Zwar ist es dann doch nicht Merlin selbst, der die Schlacht am Ende entscheidet, aber eben doch sein Einfluss auf die Iren, zumindest klingt das in einem Nebensatz an. Und auch falls das nicht so gedacht sein soll, ist deren plötzlicher Seitenwechsel unmotiviert und unvorbereitet genug, dass er einfach störend ist...
    Andererseits fand ich auch den Umgang mit Liebe nicht allzu gut. Sie nimmt keinen großen Raum ein,
    hat aber durchaus heftige Auswirkungen auf den Plot,
    wird aber mehrfach etwas romantisch verklärt mit Love-at-firs-Sight-Motiven eingebaut. Trotz dieser kleiner Mängel reicht es bei mir für 4/5.

    Sendhil Mullainathan - Scarcity: Why Having too Little Means so Much
    Ein populärwissenschaftliches Buch über Knappheit von Ressourcen und deren Einfluß auf die menschliche Psyche. Es geht darum, dass man einerseits in Zeiten des Überflußes einer Ressource (Zeit, Geld, soziale Kontake sind die wichtigsten Beispiele) [zu] verschwenderisch mit dieser umgeht und durch Knappheit bessere Ergebnisse erzielen kann (jeder kennt ja die erhöhte Produktivität vor Deadlines); vor allem aber auch darum, dass man andererseits in Zeiten der Knappheit an "Bandbreite" verliert und allgemein deutlich weniger leistungsfähig ist. So gibt es wohl Studien, die zeigen, dass Geld-Knappheit oder sogar nur der Gedanke an Geld-Probleme dafür sorgen kann, dass IQ-Werte (der gleichen Personen!) deutlich nach unten abweichen. Das Buch will auf diese Probleme hinweisen und sie empirisch untermauern, sowie auch einige erste Lösungen vorschlagen. Man erfährt dabei wenig, womit man nicht gerechnet hätte, aber es ist interessant, zu diesem Themengebiet gesammelt zu lesen und die Darstellung im Buch gibt einem teilweise einen neuen Blickwinkel. Teilweise fühlt es sich aber auch an, als werden einzelne Sachen etwas häufig wiederholt. 3/5

    Außerdem habe ich auch noch etwas gehört:
    Ernest Cline - Ready Player One
    Dieser Roman schildert die Suche nach einem Easteregg in der OASIS - einer Virtual Reality der nahen Zukunft. Die Suche nach diesem Easteregg ist wichtig und wird sehr ernst betrieben, weil daran viele Millarden Dollar (und die Zukunft der OASIS) hängen: Der Erfinder der OASIS hat in seinem Testament verfügt, dass der Finder des Eastereggs ihn beerben wird. Clou des Romans ist, dass dieser Erfinder ein Kind der 1980er Jahre und ein großer Fan ihrer Popkultur ist. Dementsprechend wimmelt es in der OASIS, in diesem Buch und vor allem in den Rätseln zum Finden des Eastereggs nur so vor Anspielungen auf eben diese Popkultur. Damit wusste ich schon vor Hören, dass ich nicht ganz der Zielgruppe entspreche (Jahrgang 1988). Vor einem musste ich jedenfalls keine Angst haben - dass ich irgendwas nicht verstehe. Alles was vorkommt wird sehr ausführlich erklärt. Leider sind die vielen Anspielungen, für die das Buch so hochgelobt wird weniger Anspielungen, sondern vielmehr Namesdropping in seiner extremsten Form. Das geht bis hin zu "Bei meiner Dusche hörte ich Song XYZ von Künstler ZWY, danach Song ABC von Künstler DCE" oder "Ich benannte ... nach ---, denn bekanntlich war --- ein bekannter /// von ###" usw. Es werden also fortwährend irgendwelche Namen von Computerspielen, Filmen, Serien und gelegentlich auch Liedern erwähnt, beim Erwähnen bleibt es dann aber oft.
    Darüberhinaus hat das Buch leider nicht allzuviel zu bieten. Der Protagonist ist nicht nur so gut in dem, was zum Finden des Eastereggs nötig ist ("den Film hatte ich schon 187-mal gesehen, natürlich kannte ich ihn Wort für Wort auswendig"), dass bei den entsprechenden Passagen kaum Spannung aufkommt.
    (wobei es sowieso nicht allzu spannend ist, zu lesen, wie ein Film nacherzählt oder ein Spiel nachgespielt oder der Highscore eines Spieles geknackt wird...)
    Nein, er hat später im Buch
    auch noch genau passende, überragende Hacker-Fertigkeiten. Seine Expertise zur 80er-Popkultur kann man sich noch vorstellen, denn er hat sich ja wirklich jahrelang nur damit beschäftigt. Dass er dann aber mit einigen Passwörtern und Exploits auch das gesamte Firmen-Intranet einer großen Firma hacken kann, kam aus dem nichts und sehr gelegen...
    Dennoch war das letzte Drittel des Buchs der spannendste Teil, vor allem weil man eine Zeitlang wissen wollte und miträtselte was jetzt genau Wades Plan ist. Leider wird die Spannung dann wieder zunichte gemacht,
    indem das Asyl durch Og die "Real Life Stakes" komplett entfernt. Wenn man nicht mehr damit rechnen muss, dass den Protagonisten auch real was schlimmes passiert, nimmt das natürlich einiges an Spannung raus.
    In Bezug auf Virtual Reality hat der Roman nicht viel interessantes zu sagen, einzig "man kann auch virtuell Freundschaften schließen" wird stark betont und ist sicher lobenswert. Das klischeehafte"Am Ende lohnt sich doch vor allem das wirkliche Leben" ist wirklich nicht neu. Viel interessanter wäre hier auch gewesen, damit differenzierter umzugehen - denn, wenn die Realität so ist, wie sie teilweise im Buch geschildert wird, dann ist gar nicht mehr klar, wieviel an diesem Leitspruch stimmt...
    Klar,
    am Ende des Buchs mit viel Geld im Rücken und frischverliebt kann bequem zu diesem Schluss kommen.
    Die Geschichte ist sehr geradlinig, aber immerhin unterhaltsam, die Charaktere sind nicht besonders interessant. Die besten Passagen hat das Buch, wenn es mal die reale Welt beschreibt.
    Ich war nicht überzeugt. Ich denke auch mit Kenntnis über die vielen referenzierten Themen, hätte ich das Buch nicht anders eingeordnet, denn reines Namesdropping ist selten spannend. Eine schwache 3/5, weil es sich immerhin ganz unterhaltsam hören ließ. Ich habe aber eher nach unten als nach oben geschwankt...
     
  8. Lazarus

    Lazarus Lumpenbarde

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    Hey, Bernard Cornwell lese ich auch immer gerne.

    Aber heute will ich hier mal über was anderes schreiben:

    Ich habe heute Tolstois "Krieg und Frieden" durchgelesen. Knapp 1600 Seiten. Alles in einem einzigen Buch! Da werden noch keien Bände aufgeteilt. :)

    Das Buch ist eine Mischung aus Roman und Sachbuch, denn Tolstoi nimmt stets zwischendurch mal Historiker und ihre Sicht auf die Geschichte aufs Korn und betreibt dazu ordentliches Napoleon-Bashing. Naja. Und andere historische Figuren dieser Zeit kriegen auch ihr Fett weg.

    Stellenweise, insbesondere ganz am Anfang verliert sich Tolstoi auch in ziemlich ausführlichen Unterhaltungen. So betreffen die rund ersten 100 Seiten nichts anderes als die Gespräche einer "Party". Das Ende ist dann auch wieder etwas ermüdend, wenn noch ziemlich ausführlich berichtet wird, wie sich die überlebenden Personen weiter entwickelt haben. Da habe ich dann aber durchgehalten. Wobei ich sagen muss, dass ich kaum mehr als 20 Seiten am Stück lesen konnte. Dann brauchte ich eine Pause. Und auf so richtige Spannungsbögen wird auch kein großer Wert gelegt.
    Die Ehefrau einer Hauptperson stirbt zum Beispiel mal eben in einem Nebensatz.
    Da waren "Die drei Musketiere" von Dumas definitiv besser geschrieben.

    Nichtsdestotrotz ist mein Eindruck einen guten Einblick in die damalige Zeit aus russischer Sicht bekommen zu haben. 100%ig weiterempfehlen kann ich den Schinken aber nicht.
     
  9. skull

    skull Thronfolger

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    Ich kann nicht anders: Wie die meisten [Edit: langen] Romane des 19. Jahrhunderts ist auch Krieg und Frieden zunächst als Serie veröffentlicht worden. In Russland ist das Werk auch meines Wissens nach wie vor in mehrere Bände aufgeteilt.

    Über den ersten Band (der dt. 3- oder 4tlg Ausgabe?) bin ich selber allerdings nie hinweggekommen, insofern: :cool::up:
    Den Inhalt des Werkes habe ich mir dann über die Lustiges-Taschenbuch-Version erschlossen.:D
     
    Zuletzt bearbeitet: 21. September 2017
  10. Falk

    Falk ChickenWizzardwing

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    @Lazarus: Solltest du Winter King noch nicht gelesen haben, so kann ich Tolotos nur zustimmen.
     
  11. Chinasky

    Chinasky Dirty old man

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    Höre gerade (da ich zum Lesen keine Zeit hab) "Unterwerfung" von Houllebeque. Beängstigend überzeugend, und das, obwohl er es vor Trump, Brexit und AFD-Zeugs fertig hatte...

    Aber eigentlich wollte ich nur kurz einwerfen, dass Tolotos mit "Geister" von Nathan Hill richtig liegt. Wirklich sehr empfehlenswert, falls einen die Thematik überhaupt interessiert. So richtig "gepackt" hatte er mich spätestens, als er einen Online-Spielsüchtigen skizzierte. Als wenn er mich heimlich ein paar Wochen beobachtet hätte. :eek: Auch dieses Buch hab ich wieder als Hörbuch konsumiert, ich muß Shaolin immer wieder dafür danken, dass er mich vor ein paar Jahren auf den Trichter brachte, mir ein audible.de-Abo zu gönnen. :up:
     
  12. Lazarus

    Lazarus Lumpenbarde

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    @Tolotos und Falk: Winterkönig liest sich wie ein waschechter Cornwell. Ich habe schon viel von ihm gelesen und gerade nachgeschaut, dass es die drei Bände der Arthurs Chronik auch bei unserer Stadtbücherei gibt.
    Das kommt dann direkt mal auf die Leseliste: :up:
     
  13. Tolotos

    Tolotos Haluter

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    Zurück aus dem Urlaub, da hat sich natürlich einiges Gelesenes angesammelt.

    Bernard Cornwell - Excalibur

    Ist jetzt schon eine Zeitlang her, aber ich erinnere mich, dass es die Stärken der beiden Vorgänger beibehält und sich wieder sehr gut las, dass ich aber das Ende als etwas "höhepunktlos", dafür aber eben realistischer empfand. 4/5

    Thomas Darnstädt - Der Richter und sein Opfer - Wenn die Justiz sich irrt
    Ein Jurist/Journalist schreibt über einige Fälle von besonders krassen Justizirrtümern (bei denen also entweder das ursprüngliche Urteil sehr skandalös anmutet oder systemische Mängel offenbart). Das ganze ist Fall für Fall gelesen sehr interessant, spannend und auch bewegend. Über einzelne Sachen kann man sich auch gut aufregen. Allerdings sollte man bevor man nur aufgrund eines solchen Buchs das deutsche Justizsystem bewertet natürlich bedenken, dass zum Einen gerade die Fälle, die dubios sind herausgepickt wurden und zum anderen mit Sicherheit auch beim Schreiben des Buchs zumindest ein Bias vorlag (allein dadurch, wie das Buch konzipiert ist), die Fälle eher so darzustellen, dass deutliche Kritik am Justizsystem aufkommt. Als informatives Sachbuch würde ich es dafür auf keinen Fall empfehlen (zu einer nüchternen oder gar wissenschaftlichen Betrachtung passt auch weder Stil noch die anekdotische Methodik), als spannendes Buch darüber, was alles passieren kann aber durchaus. 4/5

    Agatha Christie - Dumb Witness
    Die Auflösung war ok, aber für mich nicht weltbewegend. Interessant fand ich die ungewöhnliche Rolle Poirots zu Beginn, der mal nicht offiziell ermittelt und sich dadurch erst mal bei einigen Zeugen verstellen muss. Kann man als Fan sehr gut lesen, muss man sonst aber nicht. 3/5

    Scott Turow - Presumed Innocent
    Ein Gerichtskrimi um einen Staatsanwalt, der einen Mord an einer Kollegin aufklären muss. Ich wusste vorher fast gar nichts über das Buch und das würde ich auch empfehlen, denn
    obwohl die erste Wendung, dass besagter Staatsanwalt nämlich selbst zum Verdächtigen wird und es später zum seinen Prozess geht, gut vorherzusehen ist (und sicher auch sein soll), war ich am Ende doch überrascht. Denn da ich gar nicht mit einem klassischen Krimi mit Wendung am Schluss gerechnet habe, sondern den Fokus rein auf dem Prozess sah, kam die Schlusswendung dann doch sehr unvorbereitet und hat mir gut gefallen. Bis dorthin hatte ich mich eher gefragt, ob der Protagonist selbst der Täter ist und/oder das ganze offen gelassen wird.
    Als Hauptstärke des Buches habe ich definitiv die Szenen vor Gericht empfunden. Diese sind sehr gut geschrieben und gehen vor allem auch auf die Situation vor Gericht ein, es werden also Schachzüge von Staats- und vor allem Rechtsanwalt beschrieben und erklärt.
    Wenn es eine Schwäche gibt, dann vielleicht, dass das Buch am Ende etwas überladen mit Subplots ist und das ein wenig zu übertrieben wirkt, um realistisch zu sein.
    Trotzdem hat mir das Buch sehr gut gefallen, sicher auch beeinflußt durch die Tatsache, dass ich genau so ein Buch (mit Fokus auf der Gerichtsverhandlung) gesucht habe. 5/5

    Loung Ung - First They Killed My Father
    Eine Überlebende des Genozids in Kambodscha Mitte der 70er Jahre durch die Roten Khmer erzählt ihre Geschichte. Die Autorin war damals 5 und schreibt davon, wie es ihr kurz vor der Machtübernahme durch die Roten Khmer, während deren Regime und auch nach der Befreiung durch Vietnam erging. Sie versucht, soweit sie das heute noch schafft, die Kapitel aus Sicht einer 5-Jährigen zu schreiben, wie sie sagt auch, weil sie sich so selbst besser damit auseinandersetzen kann. Über Form und Stil schreibe ich hier gar nicht viel, diese sind zweckmäßig, das entscheidende ist natürlich der wirklich bewegende und informative Inhalt. Zur Unterhaltung sollte man ein solches Buch natürlich nicht lesen (es gibt keine Spannungskurve, manchmal kann das Geschehen etwas monoton anmuten), aber es liefert ein sehr informatives und erschütterndes Bild von der damaligen Zeit. 4/5

    James M. Lang - Cheating Lessons
    Ein Hochschuldozent erklärt, soweit wie möglich durch Studien unterstützt, wie man seiner Meinung nach am besten mit akademischem Betrug in all seinen Spielarten (Plagiate, Abschreiben in Klausur, gekaufte Hausarbeiten) umgeht, sowohl präventiv, was sein Hauptfokus ist als auch im Nachhinein.
    Dabei beschreibt er ganz natürlich auch einige gelungene Vorlesungs- bzw. Unterrichtskonzepte (alles universitär), da seiner Meinung nach einer der Hauptangriffspunkte der ist, dass man die Studenten möglichst gut intrinsisch motiviert. Es werden allerdings noch einige andere Ideen genannt, diskutiert und Studien verglichen.
    Für jemand, der sich für dieses Thema interessiert und/oder gar selbst an einer Universität lehrt, eine gute Lektüre. Sicherlich kann man nicht alle Ideen fächerübergreifend aufgreifen, aber vielleicht die dahinterstehenden Konzepte. 4/5

    Jan Erhard - Milchozean: Angkors Fesseln
    Ein Roman, der in drei chronologischen Ebenen spielt: Die Hauptgeschichte spielt um 1030 n. Chr. zur Blütezeit der Khmer, die dort herrschten wo später das Angkor Wat enstand (letzteres wird sicher in den Folgebänden dieses Romans thematisiert werden). Ein Sklave namens Arun erleidet zunächst furchtbares, ist aber duch Prophezeiungen von Beginn an zu höherem berufen. In einer weiteren Zeitebene entdeckt ein portugiesischer Gouverneurssohn im 16. Jahrhundert die Ruinen von Angkor Wat und Angkor Thom. Schließlich gibt es noch kleine Abschnitte aus dem 19. Jahrhundert, zur "offiziellen Entdeckung" jener Ruinen.
    Die Haupthandlung um Arun steht dabei klar im Fokus und ist inhaltlich auch ganz gut gelungen. Am Anfang wird das schlimme Schicksal Aruns vielleicht etwas überzogen ausgeschlachtet, so dass man teilweise eher abgestumpft als bewegt von weiteren Ereignissen ist. Außerdem ist die politische Ebene sehr simpel. Trotzdem ist der Inhalt dieses Teils durchaus unterhaltsam und interessant.
    Die Nebenhandlung im 16. Jahrhundert hat mich nicht überzeugt. Es passiert relativ wenig interessantes - die Chronologie wird in diesem Abschnitt aufgebrochen, aber gefühlt nur aus dem Grund, dass man etwas interessierter liest...
    Endgültig dem Buch das Genick gebrochen und damit dafür gesorgt, dass ich vermutlich keine weiteren Bände lesen werde, hat leider der schwache Schreibstil. Die meiste Zeit über ist es schon nicht gut flüssig zu lesen, und dazu gibt es dann immer wieder Ausrutscher wie "Die Wachen warteten abwartend". Schade, ich hätte gerne ein gutes Buch aus dieser Zeit und Region gelesen. 2/5

    Joseph Wallace - Invasive Species
    Ein Tierthriller um
    eine hochaggresive Wespenart.
    Normalerweise ist diese Genre eher ein Guilty Pleasure von mir und aus dem Blickwinkel hat mich der Roman durchaus positiv überrascht. Durchaus gefällig geschrieben, wirkte auch so, als hätte der Autor etwas recherchiert, nicht allzu platte Handlung und Figuren. Trotzdem ist ein Kritikpunkt ein relativ üblicher, nämlich, dass man nicht das Gefühl hat, dass jeder klug mit der Gefahr umgeht. Teil davon ist natürlich bewußt Teil der Handlung (und ich fand diesen Teil auch gut!):
    Politische Erwägungen sind lange Zeit viel wichtiger als das Überleben der Menschheit, natürlich auch weil man nicht glauben kann, dass es wirklich um letzteres geht.
    Aber zum Teil hat es mich eben auch gestört:
    Sollte es nicht z.B. Wespensichere Kleidung geben? Warum haben nicht wenigstens die Eliten solche?
    Das Ende hat mir wiederum gefallen, auch wenn
    ein solches Ende in diesem Genre auch nur noch ein Klischee ist.
    "Invasive Species" hat mich jedenfalls gut unterhalten. 3/5

    Agatha Christie - Death on the Nile
    Eines der bekannteren Bücher von Agatha Christie. Und das auch durchaus zurecht - nicht nur ist der Cast groß und die Beziehungen untereinander ausgeklügelt, auch der Mordfall ist sehr interessant und hält ein sehr gutes, überraschendes Ende parat.
    Außer man legt sich schon zu früh auf den/die Täter fest, und lässt sich vom Ablauf der Tat nicht beirren.
    Natürlich kann man auch hier ziegen, dass etwas zu viele Sachen zufälllig auf dem gleichen Schiff passieren, aber bei Agatha Christie stören mich solche "Suspensions of Disbelief" irgendwie kaum. Vielleicht weil ich ohnehin vor allem am Rätsel des Falls interessiert bin? Schwer zu sagen. Ich hatte das Buch natürlich schon gelesen, und wusste auch noch wer den Mord begangen hat. Trotzdem wurde ich gut unterhalten (und man konnte auch früh schon deutliche Hinweise finden) und gebe 4/5. Durchaus möglich, dass ich sogar mit 5/5 bewertet hätte, wenn ich das Buch zum ersten Mal gelesen hätte. Aber mich heute noch in die Lage hineinzuversetzen, ist natürlich kaum möglich.

    Stephen Lucas - Auf der Seite des Bösen
    Der Strafverteidiger Stephen Lucas (den man vielleicht als Staatsanwalt-Darsteller aus Richterin Barbara Salesch kennt) erzählt von seinen interessantesten Fällen. Diese sind allesamt gut beschrieben und erzählen auch was erzählenswertes. Was mir noch wichtig ist (und z.B. in den Büchern von Ferdinand v. Schirach in meiner Erinnerung etwas untergeht), ist, dass auch durchaus erwähnt, was man als Anwalt warum in den jeweiligen Situationen machen kann und macht. Ich will bei einem solchen Buch nicht nur reale Kriminalfälle am Stück lesen, sondern ich will diese durchaus aus Sicht eines Anwaltes lesen. Hat mir sehr gut gefallen. 4/5
     
  14. Tolotos

    Tolotos Haluter

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    Philip Siegel - Drei Zimmer, Küche, Porno
    Der Autor gibt einen Überblick über die deutsche Amateur-Porno-Szene. Dort wo das Buch beschreibend ist, ist es interessant, weil man vieles nicht auf dem Schirm hat. Dort wo es interpretiert oder Schlüsse zieht, ist es eher flach und wiederholt sich vor allem sehr. 3/5

    Susan Cain - Still. Die Kraft der Introvertierten
    Untermauert von wissenschaftlichen Studien, falls möglich, wird dafür argumentiert, dass intro- und extrovertierte Menschen verschiedene Stärken, Schwächen und Vorlieben haben, dass die entsprechenden Wesensausprägungen durch Umfeld sowie Gene kommen und vor allem, dass unsere Gesellschaft den Bedürfnissen und der Förderung Introvertierter stärker Rechnung tragen sollte, nicht nur aus "Rücksichtsgründen", sondern auch einfach, damit die Gesellschaft besser funktioniert (so sei z.B. Gruppenunterricht in der Schule für Introvertierte im Mittel eher uneffektiv; auch Führungsposiitonen können durch die Besetzung mit Introvertierten profitieren (zumindest wenn die Untergebenen eher extrovertiert sind. Das wird nicht behauptet, sondern es werden zumindest Studien in diese Richtung angeschnitten), was bei unserer momentanen Bewerbungs-/Beförderungskultur selten vorkommt usw).
    Sehr interessant und recht neue Perspektive auf dieses Thema für mich. Auch wenn man sich viele der Einzelargumente und -Ergebnisse denken kann, überrascht teilweise die extreme Art der Ergebnisse sowie eben die Perspektive durch den Gesamtüberblick. 4/5

    Magaret Atwood - The Handmaid's Tale

    Dystopie über das Erleben einer Ende des 20. Jhd. in den heutigen USA entstandenen religiösen, extrem frauenfeindlichen Diktatur durch eine darin lebende Frau einer unteren Schicht. Das Buch hat mir sehr gut gefallen, vor allem dadurch, dass es wie ein echter Erlebnisbericht wirkte. Es wurde wenig erklärt und wenn dann nur durch etwas verworrene Assoziationen, wie man wohl auch in Wirklichkeit nachdenken/vor sich hinspinnen würe. Man sollte dafür auch konzentrierer sein, wenn man das Buch liest, denn entsprechend oft wird zwischen Zeitebenen (in den Gedanken der Protagonistin), Gefühlen zu verschiedenem usw. umhergesprungen. Zuerst wusste ich nicht, ob ich mit dem Ende zufrieden bin, aber der Epilog hat mir dafür wieder sehr gut gefallen. Auch die Ungewissheit birgt ja eine gewisse Realistik und wertet daher an dieser Stelle für mich auf. Interessant fand ich durchaus, dass der Spruch "If it gets better for most, it has to get worse for some" (oder so ähnlich) im Erleben aller Handelnden fast ins Gegenteil verkehrt wurde - gefühlt ging es durch den Umschwung vielen/fast allen schlecht, auch den Bessergestellten. Gut gefallen haben mir auch die Details zur Kontrolle gewisser Gruppen, wie etwa die Art der Hinrichtungen gegen Ende. Insgesamt ein sehr gutes Buch. 4/5
     
  15. Falk

    Falk ChickenWizzardwing

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    Lieber Tolotos, ich schaue immer wieder einmal gerne in deine Rezensionen rein. Leider ist meine Lesegeschwindigkeit nicht ganz so schnell wie deine, daher kann ich nicht ganz so häufig mit Feedback zu deinen Rezensionen hier aufwarten.

    Auf Ready Player One von Ernest Cline bin über andere Wege gekommen. Viele Anspielungen auf die 1980 Jahre kamen auch für mich als 1983-Jahrgang zu spät, andere habe ich noch mitgenommen (die C64-Ära z.B.). Ist letzteres der Fall, kann auch das Namedropping bis zu einem gewissen Kontext unterhaltsam sein. Das Buch ist außerdem sehr seicht geschrieben. Habe es in einem Kurzurlaub gelesen, da passte das ganz gut. Ich finde mich in deiner Kritik ganz gut wieder. Es ist wirklich schade, dass der Autor die eigentlich Grundidee (Flucht in eine virtuelle Umgebung aufgrund Zusammenbruch der realen Welt) immer mehr zu Gunsten der virtuellen Umgebung verliert. So fande ich das erste Kapitel noch sehr spannend, danach flacht es ab. Auch die von dir kritisierte Allmacht der Protagonisten spielt hier eine Rolle.

    Was habe ich gelesen: Christopher Clark - Die Schlafwandler
    Das, von einem englischen Geschichtsprofessor, geschriebene Werk ist ein Sachbuch in Taschenbuchform. Auf knapp 720 Seiten belegt Clark akribisch die These seines Buchtitels: Wie die europäischen Großmächte wie Schlafwandler über die zahlreichen lokalen Interessen, Konflikte, Bündnisse und alten Wunden der Nationalstaaten in den ersten Weltkrieg schreiten. Damit macht er deutlich, dass ein viel komplexeres Räderwerk im Hintergrund aktiv war, um die alleinige Hauptschuld Deutschlands im Versailler Vertrag zu rechtfertigen. Dies geschieht sicherlich nicht aus irgendwelchen nationalistischen Beweggründen, Deutschland von irgendwelcher Schuld reinzuwaschen. Im Gegenteil, der deutsche Beamten- und Staatsapparat wird genauso wenig geschont wie die restlichen Großmächte. Ich vermute Clarks Beweggrund ist es aufzuzeigen, dass eine solche Katastrophe nicht aus dem Nichts anhand weniger Ereignisse entsteht (z.B. Attentat von Sarajevo), sondern sich langsam anhand einer schleichenden Polarisierung innerhalb der Gesellschaften über Jahre, ja sogar Jahrzehnte aufbauen kann. Wird gegen diese Polarisierung nichts unternommen, ja wird sogar politisches Kapital daraus geschlagen, kann man schlafwandelnd in den Untergang laufen. Ein Thema, was heute aktueller scheint, denn je.

    So viel zu meiner doch sehr laienhaften Interpretation. Mein Geschichtswissen beschränkt sich auf die Allgemein-Bildung. Somit war das Buch auf der einen Seite wirklich sehr spannend zu lesen, da es weit über die schillernden Akteure aus dem Geschichtsuntericht hinausgeht (z.B. die Kaiser). Auf der anderen Seite war es aber auch harter Tobak, mit den ganzen Entwicklungen und für mich bis dato unbekannten Akteuren im Buch schrittzuhalten. Geschichtlich Vorgebildeten wird dies sicherlich wesentlich leichter fallen. Wer sich dann unterfordert fühlt, kann Clarks Thesen im Anschluss anhand der 180 Seiten Quellenangaben überprüfen. Mir, mit Abitur-Niveau, bleibt nur zu hoffen, dass hier die Quantität der Quellenangaben auch für Qualität des Buches spricht. Alles in allem hat das Buch mein Wissen über die Jahre 1890 bis 1914 aber stark erweitert, besonders auch aufgrund der vielen Informationen im Bezug auf den Balkan-Konflikt. Dieses Thema ist hier nicht nur lästiges Beiwerk im Hin- und her der Großmächte, sondern füllt ein eigenes, zentrales Kapitel. Und auch wenn das Buch ganz klar ein Sachbuch ist, es liest sich dann mehr und mehr als Polit-Krimi mit leider bekanntem Ende im Jahre 1914.
     
    Zuletzt bearbeitet: 1. November 2017
  16. Tolotos

    Tolotos Haluter

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    Hallo Falk,

    danke für deine Rückmeldung! Es ist auch schon gut zu wissen, dass überhaupt interessiert, was ich so alles hier reinschreibe [wobei man das schon merkt, wenn ich mal ein "richtiges Buch" erwische, das mehr Leute hier interessiert], von daher freut mich das zu hören. Natürlich ist es noch schöner auch andere Meinungen oder sogar Diskussionen zu den jeweiligen Büchern zu lesen, aber da muss man eben das Glück haben, dass man gleichzeitig das gleiche liest, das geht nicht immer...

    Gut zu lesen, dass du Ready Player One so ähnlich siehst, in manchen Kreisen wurde es gefühlt auch etwas gehypt, das hat mich dann doch überrascht...

    Deine Empfehlung hört sich auch sehr interessant an, gerade wenn man (wie auch ich) ein wenig (amateur-)historisch interessiert ist. Ich habe mir gleich mal die Lesprobe geholt. Wobei das noch nicht viel heißt, da mein Backlog leider auch sehr lang ist. Mal sehen, wann ich dazu komme.
     
  17. Falk

    Falk ChickenWizzardwing

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    Ob der Hype um Clines Buch auch etwas mit der Steven Spielberg Verfilmung zu tun hat? ;) Simon Pegg wird in seine Charakterrolle wohl recht gut hineinpassen, wenn ich die Auftritte im Buch so rekapituliere. :rolleyes: Und naja, den ein oder anderen Namedrop im Buch fand ich auch echt gut. Reichte für die nette Zwischenunterhaltung im Urlaub absolut aus.
     
  18. Tolotos

    Tolotos Haluter

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    In letzter Zeit habe ich leider nur eines meiner Hörbücher fertiggekriegt:

    Bill Bryson - Eine kurze Geschichte von fast allem

    Ein Buch, in dem es um (fast?) alles geht, was man zu naturwissenschaftlichen Themen populärwissenschaftlich schreiben kann - von unserem Sonnensystem, dem Urknall, der kosmischen Hintergrundstrahlung und unserem Universum über die Entstehung der Erde, die verschiedenen Zeitalter, Wissenschaftsgeschichte und die Art wie man zu bestimmten Erkenntnisen gelangte, den Aufgbau der Materie, Atommodellen, kurze Geschichten aus der Chemie (aber dort wirklich wenig), den Wasserkreislauf auf der Erde, Vulkane, die Entstehung des Lebens, DNA, die verschiedenen "Homo"-Vorgängerarten des Menschen, das Aussterben von Tierarten bis zur Kontinentalverschiebung oder der Klassifikation von Tieren und Planzen kommt wirklich vieles vor, an das man so denken könnte. Das ganze ist höchst unterhaltsam geschrieben (zumindest in der deutschen Übersetzung, die ich gehört habe), allerdings schon mit dem deutlichen Fokus darauf etwas zu lernen/zu verstehen und nicht, unterhalten zu werden. Allerdings genügend gespickt mit Anekdoten (vor allem aus der Wissenschaftsgeschichte) und interessanten/überraschend klingenden Fakten, dass es eben auch sehr unterhaltsam bleibt. Soweit ich das als absoluter Laie in all diesen Fachbereichen mit besserem Schulwissen beurteilen kann, wurde auch recht gewissenhaft recherchiert und es kommen immer Fachleute aus den einzelnen Gebieten zu Wort. Manko für mich, der das Hörbuch sporadisch und in größeren Abständen gehört hat, waren höchstens die vielen Namen in den wissenschaftgeschichtlichen Teilen, auf die auch deutlich später im Text noch Bezug genommen wird, die man dann aber sicherlich vergessen hat. Außerdem kann einen natürlich nicht jedes der vorgestellten Themen brennend interessieren. Mich haben besonders die biologischen Teile gegen Ende, aber auch viele Fragen der Art "wie findet man so etwas eigentlich heraus" am Anfang und vor allem auch Korrekturen von Halbwissen aus allen Bereichen, das man zu haben glaubt, sehr interessiert. Kann ich naturwissenschaftlich interessierten Laien nur empfehlen. 4/5

    Ansonsten bin ich immer noch an The Dark Forest von Cixin Liu was bisher voller Ideen steckt und nach einer absoluten Empfehlung aussieht. Bin sehr begeistert von diesem Buch. Außerdem höre ich Micro von Michael Crichton, was bei mir einen Nerv trifft und lese in Fashionable Nonsense von Sokal (der gleiche, der ein Fake-Paper in den 90ern veröffentlicht hat), zu was Mathematik von manchen "Wissenschaftlern" schon missbraucht wurde. Nur mit entsprechendem Hintergrund zu empfehlen, aber dann sehr.
     
  19. Lazarus

    Lazarus Lumpenbarde

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    Hey, die kurze Geschichte von Bill Bryson wollte ich schon immer mal lesen.
    Aber irgendwie denke ich nie dran, wenn ich in der Bücherei stehe.

    Ich habe letztens mal wieder einen Klassiker aus dem 19. Jh. gelesen: Der Graf von Montechristo von Alexandre Dumas in der ungekürzten Ausgabe von einem Buch aus den 60er Jahren.

    Das Buch hat durchaus auch seine Längen, ist aber nicht mal halb so lang wie "Krieg und Frieden" und auch nicht halb so langatmig. Aber ein bisschen zäh wird's zwischendurch schon. Da ist es leicht zu erklären, dass angeblich die meisten neu verkauften Bücher gekürzt sind.
    Die ersten 200 von rund 750 Seiten haben mir sehr gut gefallen. Hier ist sein Weg ins Gefängnis, seine Zeit im Gefängnis, seine Flucht und die Belohnung der ihm wohlgesinnten Leute enthalten. Auf den letzten 550 Seiten findet dann die immer eskalierendere Rache statt, die echt von langer Hand vorbereitet und halt auch so beschrieben wird.

    Diesen Klassiker kann ich empfehlen. Allerdings... "Auf Ehre!"... "Die Drei Musketiere" haben mir sogar noch besser gefallen.
     
  20. Tolotos

    Tolotos Haluter

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    In letzer Zeit habe ich genug Stress, dass ich nicht nur selten zum Lesen, sondern sogar noch seltener zum Schreiben über das Gelesene komme. Hier die drei Bücher, die ich trotzdem fertiggekriegt habe:

    Cixin Liu - The Dark Forest

    Ich hatte es irgendwo schon angedeutet, ich bin sehr überzeugt von diesem Buch. Es ist der zweite Teil einer Trilogie und (Spoiler nur zum ersten Buch)
    beschäftigt sich mit der interessanten Situation, dass Invasoren in Richtung Erde unterwegs sind, diese aber wegen mangelnden Überlicht-Antrieben lange geung brauchen (400 Jahre), dass sich allein durch diese "Vorbereitungs"zeit eine spannende Geschichte erzählen lässt. Erschwerend kommt hinzu, dass sie durchaus überlichtschnell kommunizieren können und dadurch einerseits jegliche Vorbereitung der Menschheit beobachten können und andererseits die (etwas mystisch angehaucht klingenden) technische Fähigkeit haben, unsere Wissenschaft zumindest auf dem Gebiet der Teilchenphysik, auf dem die interessantesten Gegenmaßnahmen und Entwicklungssprünge möglich wären außer Gefecht zu setzen.
    Dieser zweite Teil sprüht dabei nur so vor interessanten und größtenteils überzeugend umgesetzten Ideen:
    Ein Volk, dass das Konzept des Lügens und Täuschens zunächst nicht versteht, weil es nur telepathisch kommunziert ohne dass diese Möglichkeit existiert; das Konzept der Wallfacer als beste Abwehrmaßnahme der Menschheit: Menschen, die sich mit quasi unbegrenzter Macht ausgestattet perfide Strategien ausdenken sollen, die aber nur in ihrem Kopf sein dürfen, damit das feindliche Volk nichts davon mitbekommt; die Tatsache, dass man nach einem Kälteschlaf in einer völlig geänderten Zukunft erwacht, wo ein solches Projekt keine Rolle mehr spielen kann; die Auflösung des Wallfacer-Handlungsstrangs; die Idee des titelgenden "Dark Forest", die ich hier auch im Spoiler nicht spoilern möchte
    Auch wirkt es so, als hätte sich der Autor wirklich Gedanken macht, um sein Buch so realistisch wie in diesem Rahmen irgendmöglich zu gestalten. Leider übernimmt "The Dark Forest" aber auch einige Schwächen seines Vorgängers, die also möglicherweise vom Autor kommen: Die Charaktere und in einem geringeren Grad auch die Dialoge wirken nicht überzeugend und erstere bleiben dadurch sehr blaß. Das ist etwas schade, weil dadurch ein "Mitfiebern" eher ausbleibt. Durch die vielen tollen Ideen und die Auseinandersetzung mit diesen wird das aber mehr als ausgeglichen. Ein weiterer kleiner Nachteil ist ein Plotpunkt, den ich nicht sehr überzeugend fand, nämlich LuoJis "Muse".
    Ich habe die ganze Zeit mehr hinter dieser Geschichte erwartet und vielleicht kommt das ja auch noch im dritten Teil, aber so wirkt schon das Gefühl "einen erdachten Charakter zu lieben" und dafür auch eine echte Beziehung aufzugeben seltsam (aber wer weiß - ich bin schließlich kein Autor, darüber sollte ich wohl nicht urteilen); noch viel seltsamer wirkt dann aber, dass dieser erdachte Charakter so problemlos real aufgetrieben werden kann.
    Wegen den kleinen Schwächen bleibe ich bei 4/5 für ein Buch, das ich sehr gerne gelesen habe.

    Noah Sow - Deutschland Schwarz-Weiß

    Ein Buch über den Alltagsrassimus, mit dem man in Deutschland als Schwarze/r anscheinend häufig konfrontiert wird. Inhaltlich sehr interessiert, zeigte mir einige Punkte, an die ich nicht dachte, oder die ich für entweder nicht so "schlimm" oder nicht in dieser Häufigkeit vorkommend hielt und brachte mich dadurch auch immer wieder zum Nachdenken über mein eigenes Verhalten. Dennoch kann ich das Buch in dieser Form nicht wirklich empfehlen, da ich einerseits den Stil nicht ansprechend fand (das schnodderige Anfahren generell aller Weißen und die teilweise Umkehrung der Rollen insbesondere zu Beginn soll wohl Wachrütteln, ich vermute aber dass dieser Stil pragmatisch eher kontraproduktiv ist: bei mir war der Effekt "Was soll das denn jetzt?" - "Ah, okay, irgendwo verstehe ich, warum man das rechtfertigen kann (entweder um etwas Nachvollziehen zu können oder um Missstände wirklich deutlich anzusprechen)" - "Naja, ich hätte es nicht so geschrieben, aber inhaltlich passt es ja"; Ich kann mir aber vorstellen, dass viele Menschen viel abweisender darauf reagieren). Andererseits, und das ist eine deutlichere Verfehlung, fand ich den Umgang mit Zitaten/Belegen geradezu unverschämt. Alltagsanekdoten schön und gut, aber wenn man etwa zu polizeilichen Übergriffen NUR die Quelle einer Schwarzen Gruppe angibt, die sicher auch eine gewisse Interessen-/Motivationslage hat (selbst falls diese die Realität besser abbildet, sollte man verschiedene Quellen angeben und den Leser einordnen lassen) oder noch schlimmer immer wieder von "gesicherten Erkenntnissen" und ominösen "Studien" redet, ohne sauber zu zitieren, dann finde ich das nicht wirklich prickelnd. Aufgrund des relevanten und durchaus sinnvollen Inhalts gebe ich noch 3/5, aber die letztgenannten Schwächen haben mich deutlich gestört. Dafür war übrigens der Glossar am Ende durchaus lustig (Umkehrung von Begriffen wie "Eingeborene", "Stamm", "Initationsriten" usw.). Noch ein Kommentar: In der Kindle-Version haben viele Buchstaben gefehlt. Man konnte sich bis auf manche Überschriften alles zusammenreimen, aber nervig war es schon. Das kann man dem Buch selbst natürlich nicht anlasten.

    Ken Grimwood - Replay
    Romantechnisch habe ich gerade eine Glücksphase, denn auch Replay ist ein Buch, dass mich absolut überzeugt hat. Es geht um einen Mann, der mit 43 Jahren stirbt, dann aber aus ominösen Gründen die Möglichkeit hat, sein Leben noch einmal zu leben. Mit seinen Antworten auf die Fragen, was man dann machen würde, wie man sich insgesamt in so einer Situation fühlen würde, was die Vor- und Nachteile sind und ähnlichem hat mich das Buch sehr gut unterhalten und auch zum Nachdenken angeregt. Es ist sehr prägnant/gebündelt geschrieben (oft werden lange Zeitabschnitte übersprungen), was einerseits erfrischend ist, da immer etwas passiert, andererseits aber bei mir auch dazu führte, dass die Immersion und insbesondere das Mitempfinden mit dem Protagonisten zumindest lange Zeit etwas schwächer war. Gegen Ende gab es aber auch einige wirklich bewegende und gleichzeitig interessante Momente. Kann dieses Buch nur empfehlen. 4/5, habe aber sogar eher nach oben geschwankt.
    Erwähnen sollte man noch, dass ich einerseits solche Arten von Geschichten mag und daher sicher einen gewissene Bias habe, aber andererseits noch nicht viele davon kenne, und daher vielleicht etwas leicher zu überzeugen bin, als erfahrenere Leser in dieseme Genre.

    Als nächstes steht jetzt das dritte Buch von Cixin Lius Trilogie an.
     
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