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Buchkritiken - Das Topic für Leseratten, Teil 2

Ciramon

Drachenkrieger
"Wassermusik" von T. C. Boyle

Der Roman zeichnet die historischen Entdeckungsreisen des schottischen Reisenden Mungo Park in Westafrika auf der Suche nach dem Verlauf des Nigers nach, inklusive Teilen über sein Leben in Schottland davor und dazwischen. Die tatsächlichen Ereignisse werden grundsätzlich als Basis verwendet, aber in Details und Ausschmückung fiktional ergänzt oder verändert. Daneben begleiten wir als zweiten Hauptstrang Ned Rise, einen fiktiven Charakter aus der verelendeten Normalbürgerschicht Londons. Seine Bemühungen um ein menschenwürdiges Leben werden aufgrund von Bösartigkeit der Menschen im Allgemeinen und der Unterdrückung durch den Adel im Besonderen zu einem Kampf ums Überleben. Kleinere Abschnitte werden aus der Sicht von Parks Verlobter und späterer Ehefrau Ailie erzählt, manche handeln von seinem Gefährten und Afrikaführer Johnson, einem aus Westafrika stammenden und über die Vereinigten Staaten schließlich in England gelandetem ehemaligen Sklaven.

Dabei fließt die damalige Gesellschaft in die Handlungen ein, vor allem wie bereits erwähnt die Situation der einfachen Leute sowie die Rolle der Frauen. Dies aber nicht als eingeschobene Geschichtsstunde oder isolierte Gesellschaftskritik, sondern in die Handlung eingebaut oder vielmehr mit ihr verwoben, ihre Grundlage bildend. Auch die Darsteller bleiben ambivalent. Mungo Park als mutiger Entdecker, aber auch mit Zweifeln und Mängeln - seiner Ruhmsucht opfert er Familie und Menschenleben. Im Roman hadert er mit der großen Fehlentscheidung seiner zweiten Reise, die die Leben seiner Männer aufs Spiel setzt.

Wie kann ich es tiefgehender formulieren als dass die Geschichte spannend ist und voller Atmosphäre steckt? Die Seiten fliegen beim Lesen nur so vorbei und ich fühlte mich den Ereignissen und Personen sehr nah. Boyle benutzt eine sehr bildliche Sprache, die oft der Vorstellungskraft sehr gut auf die Sprünge hilft - auch wenn sie manchmal schwer vorstellbare und verständliche Bilder und Vergleiche bemüht und einen auf die Fortsetzung der Handlung hoffen lässt. Der zweite kleine negative Punkt betrifft die Rauhheiten der Sprache und Erzählung. Ich finde zwar gut, dass das Leben "echt" dargestellt wird und sich der Autor nicht aus irgendwelchen Moralvorstellungen zensiert, aber die eine oder andere Obszönität war m.E. dann doch überflüssig.

Fazit: hervorragend! Wer Geschichte und Abenteuer mag, ist hier genau richtig.


Noch zwei ergänzende Fragen an das Forum diesbezüglich:

- Ich habe auf der Karte gesehen, dass der Niger in den Atlantik mündet, was soll dann das Gerede davon, ihn zu entdecken? Die Küsten waren seit Jahrhunderten bekannt. Oder geht es schlicht darum, dass man natürlich das Flussdelta kannte, aber nicht wusste, dass das der Niger ist?

- Welche ähnlichen Werke gibt es? Einerseits natürlich Mungo Parks eigenen Reisebericht. Einige Zitate im Wikipedia-Artikel lassen vermuten, dass er trotz des Alters gut zu verstehen ist. Und ebenso "Herz der Finsternis" von Joseph Conrad, aber hier habe ich gehört, dass es aufgrund seiner Sprache schwer zu lesen ist. Vielleicht weiß jemand etwas dazu oder hat einen Tip (wobei ich Karl Mays Beiträge bereits kenne und irgendwelche Schmonzetten á la Rosamunde Pilcher im Afrikagewand nicht gelten).
 
Zuletzt bearbeitet:

Chinasky

Dirty old man
Kann Dir auf beide Fragen nicht wirklich kompetent antworten, freue mich aber, dass dieser Roman, den ich vor rund 20 Jahren mal gelesen hab und von dem ich praktisch nix mehr wußte, ausser, dass ich ihn gut fand (wie wo viele Bücher von DC Boyle), mal wieder gelobt wird. Und Deine Einschätzung seiner Sprache kann ich nur teilen*.
Was die "Entdeckung" des Niger angeht: Geht's da nicht vielleicht darum, wo er entspringt? (20 Jahre sind eine lange Zeit für alte Säuferhirne...)
Was Joseph Conrads Klassiker angeht: Laß Dich doch nicht von Leuten in's Bockshorn jagen, die was von "schwerer Sprache" reden. Bange machen gilt nicht! Und immerhin war der ja die Inspirationsquelle für "Apocalypse Now!", den besten Dschungel-Krieg-und-Wahnsinn-Film, der je gedreht wurde (er wird immer in meinen Top Ten aller Kinofilme bleiben). Und wenn Du jetzt "Herz der Finsternis" liest, wirst Du in Zukunft immer viel mehr wissen, wenn die nach Indochina verlegte Story mal wieder in der Extended-Version spät nachts auf arte gezeigt wird. ;)





*Vor Jahren hatte ich mal in einer Ausstellung eines meiner Namedropping-Bilder, auf dem T.C.Boyle stand. Eine Vernissagenbesucherin sprach mich an und wollte wissen, warum ich da den Namen als Schriftzug in eine Tischdecke eingewebt hatte. Ich erklärte ihr das "System" meiner Namedroppings: Ich male ein total altmodisch-herkömmliches Bild und verstecke irgendwo in dem Bild einen Namenszug. Von einem Politiker, einem Wissenschaftler, einem Künstler oder sonst einer Person, bei der ich meine, dass die Leute sich mehr mit dieser Person beschäftigen sollten (ihren Büchern, Kunstwerken, politischen Ideen usw.). Dabei ließ ich mich immer einfach von meinen Assoziationen leiten. Das Namedropping-Bild für TC. Boyle hatte einen Granatapfel mit einigen herausgebrochenen "Granatsplittern" als Motiv, der auf einer Samt-Tischdecke lag. Die Frau hatte es sofort verstanden und meine Assoziation nachvollzogen: "Ah, ja das ergibt Sinn. T.C. Boyle schreibt total saftig! Passt super zu dem Granatapfel." Ich meinte scherzhaft, dass zu T.C.Boyle dann ja auch ein leckerer Schweinebraten mit Sößchen passen würde. Sie darauf: "Ja. Stimmt schon irgendwie... Aber dann würde ich's nicht kaufen als Vegetarierin!"
 

skull

Thronfolger
Gemeint war vielleicht, den Niger zu erkunden (statt entdecken); das ganze natürlich nur aus einer kolonialen Perspektive verständlich. Heart of Darkness kann ich ebenfalls empfehlen, außerdem bin ich nicht der Ansicht, dass die Sprache übermäßig schwierig ist. Der Text ist zudem recht schnell zu lesen (eher Novelle als Roman) und zumindest im Englischen gemeinfrei als ebook erhältlich.
 

Ciramon

Drachenkrieger
"Reisen ins Innerste Afrikas" von Mungo Park

Parks eigener Reisebericht über seine Expeditionen an den Niger in Westafrika zwischen 1795 und 1806. Eine der Inspirationen für Boyle (s.o.), leider bei Weitem nicht so gut zu lesen.

Dies liegt nicht an der Sprache, die ist auch nach zweihundert Jahren gut verständlich (habe es auf Deutsch gelesen). Vielmehr gelingt es dem Text nicht durchgehend, tieferes Interesse oder Spannung zu erzeugen und die Szenerien plastisch vor Augen zu führen (genaue Landschaftsbeschreibungen sind recht selten). Man muss natürlich sehen, dass es kein Roman ist, sondern eben ein Expeditionsbericht, insofern wird man keine Abenteuergeschichten erwarten können. Zum großen Teil geht es naturgemäß um wenig ereignisreiche Etappen und eine genaue Charakterisierung von Gefährten oder gar Einheimischen in flüchtigem Kontakt ist ebenfalls nicht Zweck eines Reisetagebuchs.

Dennoch hätte man die interessante Unternehmung vielleicht besser aufbereiten können als über nach Aufzählung klingende Absätze: von A nach B gelangt, Nilpferde getroffen, vom Dorfvorsteher freundlich aufgenommen worden, von B nach C gelangt, viel Regen, vom Dorfvorsteher bestohlen worden. Weiterhin erscheinen die Erläuterungen zu Regionalpolitik und Geographie zwar interessant, sind aber letztlich eher verwirrend, da man sie nicht auf einer detaillierten Karte nachvollziehen kann (eher ein Problem der Buchausgabe, Park selbst konnte das natürlich kaum leisten).

Man merkt auch, dass Park nach seiner Rückkehr von der ersten Reise Zeit zur Aufarbeitung und redaktionelle Unterstützung hatte, denn das originäre Tagebuch der zweiten Reise - das er nach England sendete, bevor er weiterreiste und verschwand - ist noch weniger gut zu lesen.

Dies klingt jetzt etwas härter als ich es eigentlich empfinde. Insgesamt war es teils eine schleppende Angelegenheit, es gibt aber sehr viele gute Passagen, meist die über Land und Leute. In einem Dorf wird er, mittellos und verletzlich auf der Rückreise, von einer Gruppe Frauen beherbergt, die während ihrer Arbeit ein Lied über und für ihn singen. Von einem anderen Dorf berichtet er, der Grund für das Tabu, die Früchte eines bestimmten Baumes zu essen, sei, dass sie als eiserne Ration für Hungersnöte gedacht sind.

So erfährt man viel über die Menschen in den Regionen, wobei Park viel Sympathie zeigt, m.E. auch eine ehrliche, nicht den letztlich doch rassistischen Paternalismus mancher "gutmeinender" Imperialisten. Er ist ein Gegner der Sklaverei und beschenkt viele Leute, die ihm geholfen haben. Wenngleich er auch nicht über mancher Pauschalisierung steht - so formuliert er, ein bestimmtes Volk wäre räuberisch anstelle in einer Region gäbe es viele Räuber und an den Mauren lässt er auch kein gutes Haar (wobei ersteres, ich weiß es nicht mehr genau, ein Zitat sein könnte, das er unterwegs gehört hat und letzteres aus seiner fast ausnahmslos schlechten Erfahrung stammt).

Lustigerweise ist mir zur zweiten Reise auch in Erinnerung geblieben, wie viel er verschenkt, eintauscht, als Tribut oder Wegezoll weggibt oder ihm gestohlen wird, obwohl er "nur" mit etwa je vierzig Leuten und Eseln unterwegs ist. Selbst nach dem Verlust des Großteils an Mensch und Tier kann er noch Waffen, Muscheln oder Dutzende Barren Bernstein einsetzen. Möglicherweise habe ich mir unter dem Begriff "Barren" zu viel vorgestellt und es ist in Wirklichkeit eine sehr kleine Maßeinheit. Oder ich unterschätze die Tragkraft von Eseln…

Ein anderer toller Effekt ist, wenn man "Wassermusik" gelesen hat und Ereignisse und Personen wiedererkennt, die Boyle aufgegriffen hat.

Abgerundet wird das Buch mit Berichten der beiden einheimischen Führer, die nach Parks Verschwinden beauftragt wurden, nach ihm zu suchen. Sie sind sehr kurz und in sprachlicher Qualität mit Parks Tagebuch vergleichbar.

Fazit: oft langwierig zu lesen, aber lohnend für Interessierte oder als Ergänzung zu „Wassermusik“
 

Ciramon

Drachenkrieger
"Herz der Finsternis" von Joseph Conrad

Ein Ich-Erzähler heuert als Dampfbootkapitän bei einer Afrikahandelsgesellschaft an und verfällt dem Leiter eines Handelspostens schon vor dem Zusammentreffen.

Der Erzähler kommt an einem ersten Handelsposten an. Die Fahrt zu einem weiter im Inneren gelegenen, um Elfenbein abzuholen, verzögert sich jedoch, da das Dampfschiff erst repariert werden muss. Währenddessen lernt er die bereits hier Tätigen kennen, vor allem erzählen diese von Mister Kurtz, dem Leiter der Niederlassung, zu dem sie fahren. Kurtz, so der Tenor, sei einer der erfolgreichsten Elfenbeinjäger und eine sehr eindrucksvolle Persönlichkeit. Mit der Zeit wird dies um Details ergänzt, so gelangt er mit brutalen Mitteln an die Handelsware, unter anderem indem er Dörfer überfällt, scheint gleichzeitig aber in unbestimmter Weise ein "Großer Mann" zu sein, da neben Angst auch Bewunderung aus den Beschreibungen zu lesen ist. Gelegentlich wird erwähnt, dass er ein guter Redner sei.

Zwischendurch klingen bezüglich der Präsenz der Europäer Misswirtschaft, Korruption, Ausbeutung und Gräueltaten durch, wobei der Erzähler zwar menschenfreundlicher ist, aber manchmal nicht frei von einem verächtlichen Blick auf die Einheimischen.

Anfangs überwiegt die Darstellung der Ereignisse, irgendwann jedoch erschweren weitschweifende, philosophische Ausführungen das Lesen, teilweise seitenlang ohne Absätze (vielleicht gewollt, um die Entwicklung des Erzählers und seiner Denkprozesse darzustellen). Es kann interessant sein, von Gedanken zu Afrika, der Anmutung der Wildnis und dem Leben im Allgemeinen zu lesen, aber hier sind sie oft schwer nachvollziehbar.

Über eine einheimische Schamanin heißt es: "Und in dem Schweigen, das sich plötzlich über das kummervolle Land gebreitet hatte, schien die ungeheure Wildnis, die ganze Kraft und das ganze Geheimnis des Lebens sie anzusehen, nachdenklich, als betrachte sie das Bild ihrer eigenen finsteren und flammenden Seele darin". Vielleicht ein schlechtes Beispiel, da ich mir beim erneuten Lesen durchaus einen Reim darauf machen kann, aber welcher Art - die Wildnis und das Geheimnis des Lebens schauen einen Menschen an und erkennen ihre Seele in ihm? Ernsthaft?

Auch über einige Begebenheiten (worüber erschrickt der Erzähler auf dem Boot, bevor er Kurtz in den Dschungel folgt, was erzählt dieser danach, das dem Erzähler so nahegeht) wird man im Unklaren gelassen und vor allem über ein Motiv: am Ende meint der Ich-Erzähler, er bewundere und liebe Mister Kurtz. Aufgrund von Erzählungen und einer kurzen Begegnung? Aufgrund seiner anscheinend einzigen positiven Eigenschaft, ein guter Redner zu sein? Trotz der Gräueltaten? Steckt in dieser Struktur eine Warnung vor Demagogen?

Fazit: teilweise interessant, aber zu viele bildlich oder gedanklich unverständliche, überdrehte Passagen.
 
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