Buchkritiken - Das Topic für Leseratten, Teil 2

Dieses Thema im Forum "Die Taverne" wurde erstellt von Doc Sternau, 4. September 2003.

  1. Tim

    Tim Streichel-Mod

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    Ich finds unglaublich wie viel du liest. Wünschte, ich hätte die Zeit und die Muße dazu.. Danke für deine tollen Empfehlungen!
     
  2. Tolotos

    Tolotos Haluter

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    @Tim: Freut mich, dass die Empfehlungen was bringen. Ich glaube, was bei mir am meisten ausmacht, ist das alltägliche Lesen: Ich habe jeden Tag etwa 1 Stunde Pendelstrecke (reine Fahrzeit des Busses), die ich immer lese. Außerdem bin ich gut darin, gerade bei den nichtfiktionalen Büchern, das Lesen auch in sehr kleinen Etappen in den Alltag einzubauen (bei Romanen sind so kleine Abschnitte meistens zu anstrengend): So lese ich etwa immer beim Zähneputzen, beim Warten auf den Bus, bei zu langen Schlangen in der Mensa, beim Warten auf einen Termin (falls man früher da sein muss) und bei ähnlichen Sachen, die mir gerade nicht einfallen. Da kommt denke ich schon einiges zusammen. Im Urlaub lese ich dann nochmal deutlich mehr, weil man oft viele Transferzeiten (Flugzeug oder Bus oder so) drin hat.
    Natürlich setzt ich mich auch mal zuhause für eine oder mehrere Stunden gezielt hin, um einfach nur zu lesen, aber ich glaube nicht, dass ich das öfter mache, als andere in meinem Alter (eher wenige Male pro Woche würde ich schätzen).

    Zurück zum Thema:

    Sabine Hossenfelder - Lost in Math
    Ein Buch über Probleme, die die Autorin (macht gerade ihren PostDoc in Physik) mit der momentanen Forschung in der theoretischen Physik und vor allem mit der Art, wie Forschungsschwerpunkte bestimmt werden, hat. Es geht z.B. darum, ob Empfinden für Ästhetik Forschungsschwerpunkte beeinflußen sollte, und in welchem Ausmaß, ob (vor allem theoretische) Physiker genug auf die vielen Biases achten, die sie sicher mitbringen (Confirmation Bias, Sunk Cost Fallacy u.ä.) oder wie zielführend es ist, wenn vor allem mit Geldern unterstützt wird, "was alle machen". Die grundsätzlichen Probleme, die das Buch anspricht, waren interessant und in diesem Ausmaß sicher auch erschreckend. Dafür hat es sich schon gelohnt, das Buch zu lesen. Obwohl die Autorin recht allgemeinverständlich schreibt, muss ich zugeben, dass es nicht immer leicht oder gar unterhaltsam zu lesen war - dafür habe ich wahrscheinlich einfach zu wenig Ahnung von der Materie. Aus dem gleichen Grund bin ich mir auch nicht sicher, ob ich alle Punkte verstanden bzw. vor allem mir gemerkt habe, die sie macht. Allein wegen des wichtigen Inhalts bin ich aber froh, das Buch gelesen zu haben. Bewertung für mich persönlich 3/5, aber wohl etwas davon beeinflußt, dass das Gefühl, das in diese Zahl eingeht, glaube ich mehr (nicht: nur) meinen Spaß beim Lesen des Buches misst als das, was ich gelernt habe, was hier stark verzerrt.

    Agatha Christie - The Regatta Mystery Parker Pyne
    Kein wirkliches Buch, sondern eine 30-seitige Kurzgeschichte: Eigentlich wäre das Buch The Regatta Mystery and Other Stories drangewesen. Das habe ich aber nicht für meinen eReader gefunden. Also habe ich mit der titelgebenden Kurgeschichte vorlieb genommen und diese gelesen. Am treffendsten zusammenfassen kann man sie mit "ganz nett". Hat mich unterhalten, war okay, aber wird nicht im Gedächtnis bleiben. 3/5
     
  3. Tolotos

    Tolotos Haluter

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    Peter Watts - Blindsight
    Wow. Blindsight ist vermutlich das beste Buch aus dem Science-Fiction-Genre, das ich bisher gelesen habe. Auch eines der besten Bücher überhaupt, aber genreübergreifend zu vergleichen ist immer schwierig. Blindsight ist definitiv HardSciFi und unfassbar dicht geschrieben. Es wird erwartet, dass man wissenschaftliche Begriffe und Konzepte kennt und einordnen kann. Z.B: Wenn einer der Charaktere über etwas Beobachtetes einfach beiläufig "Normalverteilung" sagt, sollte man das einordnen können. Auch die Wortwahl ist manchmal extrem im wissenschaftlichen Slang, was aber dem Erzähler geschuldet ist. Gleichzeitig werden laufend beiläufig und ohne viel Exposition Elemente des Settings erwähnt/-klärt, die dann teilweise sogar plotrelevant werden. Ein Beispiel ist die Rolle der Vampire. Ja, in diesem Buch gibt es Vampire und ja, es ist Hard Sci Fi und ja, das passt beides zusammen. So gut, dass ihr euch nicht auf mich verlassen müsst: In einem Interview verschiedener Wissenschaftler, in dem diese gefragt werden, in welchem Buch ihre Wissenschaft besonders realistisch dargestellt wird, werden von einem Terry Johnson ("Bioenginner" in Berkeley) ausgerechnet Watts' Vampire als Beispiel genannt.
    Auch enige wichtige Informationen über die Personen erfährt man beiläufig durch Beobachtung, weil sei dem Erzähler klar sind:
    Dass Susan/Sasha/Michelle/Crawler eine Frau ist, die ihr Bewußtsein aufgeteilt hat oder dass Szpindel Messinstrumente und Geräte als Erweiterung seines Körpers hat
    Der Effekt ist aber großartig, denn man wird, wenn man aufmerksam liest, ausreichend gehooked und versteht dann im Laufe des Lesens, wie das Setting oder die Person oder... wirklich ist. Spannung zu erzeugen schafft der Roman sowieso hervorragend. Der Roman wird vermutlich
    Nicht vermutlich, sondern sicher, aber während dem ersten Lesen ist man nicht unbedingt sicher, daher habe ich das in Spoiler gepackt.
    nach dem eigentlichen Geschehen erzählt und immer wieder wird ominös das, was noch passieren wird, angedeutet.
    Trotz sener klaren Verortung im HardSciFi bleibt der Roman aber keine seelenlose und technikorientierte Zukunftsbeschreibung, sondern hat sowohl interessante und spannende Charaktere als auch einen mitreißenden Schreibstil (solange man mit der oben beschriebenen Wortwahl klarkommt). Und noch besser: Er hat einen philosophischen Kern. Es gibt einen Hauptgedanken, um den sich das ganze Buch kreist, und dieser wird (erfolgreich) in Form eines Plot-Twists präsentiert. Das ist eines der wenigen Bücher, die ich kenne, in dem der Twist nicht einfach nur ein erzählerischer Kniff ist, sondern sein Inhalt das große Thema des Buchs ist. Danach fällt auch vieles weitere zusammen und man merkt, dass vieles in diesem Buch auf genau dieses Thema hingearbeitet hat: Von den Charakteren über die Vampire (!) über Elemente des Schreibstils. Großartig. Ich kann dieses Buch nur uneingeschränkt empfehlen. 5/5

    Bill Bryson - Down Under, Travels from a Sunburned Country
    Bill Bryson hat wirklich einen extrem witzigen, sehr angenehm zu lesenden Stil. Auch inhaltlich wirkte das Buch eine Stufe über dem oben von mir gelesenen Australien-Anekdoten-Buch, weil man merkt, dass er etwas mehr abseits der aller-ausgetretensten Pfade unterwegs sein konnte. Trotzdem wird man aber einiges wiedererkennen, wenn man selbst schon in Australien war (was natürlich sehr schön ist!). Das Hauptplus ist aber natürlich der schon erwähnte Stil, der mir sehr gut gefällt, ohne dass ich ihn genauer beschreiben könnte... Vielleicht "sehr humorvoll, oft dadurch, dass eigentlich halbwegs normale Begebnisse auf sehr interessante und eloquente Art witzig verpackt/umschrieben werden und ihnen dadurch viel interessantes abgewonnen wird". Weiß aber auch nicht, ob es das immer trifft... 4/5
     
  4. Vitez

    Vitez Brötchen

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    Hach ja, ich wünschte auch ich hätte noch die Zeit so viel zu lesen...
     
  5. Adriana

    Adriana Senior Member

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    @Tolotos: wenn dir das eine von Bill Bryson gefallen hat, kann ich dir auf jeden Fall auch "Walk in the woods" über seine Wanderung über den Appalachian-Trail empfehlen. Wie immer sehr unterhaltsam, herrlich selbstironisch und natürlich durchweg gut geschrieben.
    Ein bisschen untypischer für ihn - da kein Reisebericht - ist "At home". Hier erzählt er ausgehend von Haushaltsgegenständen die halbe Menschheitsgeschichte. Auch sehr spaßig zu lesen und nebenher lernt man auch noch einiges :)

    Ein ähnliches Buch, das ich aber schon vor Jahren gelesen habe ist "Mit dem Kühlschrank durch Irland" von Tony Hawks. Damals fand ich es großartig und ich kann mir nicht vorstellen, dass es jetzt anders sein sollte.
     
  6. Tolotos

    Tolotos Haluter

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    @Adriana: Danke für den Tipp. Ich denke, dass ich auf jeden Fall bei Gelegenheit nochmal was von Bryson lesen werde. Vielleicht aber zuerst was zu Europa oder Afrika. Mal sehen. Das andere Irland-Buch habe ich mir auch aufgeschrieben.

    Agatha Christie - Hercule Poirot's Christmas
    Ein Buch, das schon ewig zu meinen absoluten Favoriten zählt. Seit ich das Buch als junger Teenager zum ersten Mal gelesen habe, hat sich der Teil der Auflösung, der
    ungefähr geht "Auch Polizisten haben Töcher und Frauen... und Väter!
    bei mir eingebrannt.
    Das Konzept war damals für mich so schockierend und überraschend, dass ich von dem Buch sehr geflashed war: In allen Krimis, die ich kannte, waren die Polizisten nicht nur "die guten", sondern sie waren abseits des Hauptcharakteres oft Nichtentitäten, die nur Funktion, aber keinen Charakter hatten.
    Aber auch bei Wissen um die Auflösung (habe es noch ein paar Mal seitdem gelesen), ist das Buch sehr stark.
    Man könnte tatsächlich zur Lösung kommen, wenn man wirklich gut aufpasst (Ähnlichkeit der Männer wird schon oft betont.
    Ein sehr gutes Buch. 5/5

    Agatha Christie - Sad Cypress
    Noch ein Buch von Agatha Christie, das mir sehr gut gefallen hat. Der Beginn und die Struktur war etwas ungewöhnlich (am Anfang nicht chronologisch), aber viel hat das gefühlt nicht geändert. Außer vielleicht, dass man schon von Anfang an wusste, was der Fall sein würde und dass
    durch die klare Fokussierung auf Eleanore als von allen vermutete Täterin die erdrückende Indizienlage betont wurde.
    Hat eine nette Auflösung und liest sich gut. 4/5

    Außerdem habe ich wieder mal ein Hörbuch gehhört:

    Andreas Föhr - Eifersucht

    Ich hab nochmal geschaut, was ich zum ersten Buch des Autors, Eisenberg, geschrieben habe. Vieles davon könnte man wörtlich übernehmen: Der Schreibstil ist sehr einfach, der Fall ist okay, die Hauptperson ist interessant genug, um dranzubleiben und der besondere Fokus auf deutschem Rechtssystem ist für mich der wichtigste positive Aspekt. Das Ende ist diesmal vielleicht nicht ganz so weit hergeholt, wie ich es aus dem ersten Buch in Erinnerung habe, ist aber auch nicht umwerfend. Ist okay. Insgesamt kann man das Buch lesen, vor allem wenn man eine (in Teilen - teilweise ist das Buch eben auch ein Thriller) so weit man das beurteilen kann vernünfitge Integration von (deutscher) Justiz in einen Krimi/Thriller möchte. In allen anderen Aspekten ist es ziemlich durchschnittlich. 3/5

    Und ich lese natürlich weiter Ward von Wildbow, bin jetzt am Ende von Arc 4. Gefällt mir bisher sogar noch etwas besser als mir Worm zum entsprechenden Zeitpunkt gefallen hat. Der Stil kommt mir etwas routinierter vor (macht auch Sinn, könnte aber natürlich auch Einbildung sein), vor allem gefällt mir aber, dass der Fokus bisher viel mehr auf den Charakteren und weniger auf klassischen Kämpfen liegt. Das Worldbuilding ist immer noch überragend und es sind immer noch faszinierende Themen im Hintergrund des Stoffs (Traumaverarbeitung, Rehabilitierung) und diese erweitern auch noch sinnvoll die Themen von Worm. Auf der anderen Seite war ich von den Charakteren in Worm an dieser Stelle noch etwas mehr gehooked (nicht falsch verstehen, Victoria ist ein extrem spannender Charakter und auch die anderen Hauptcharaktere sind interessant und vor allem sehr einzigartig in ihrer Anlage. Allerdings habe ich mich gerade mit Rachel und Lisa/Tattletale damals noch etwas verbundener gefühlt. Vielleicht ist dieser Blick aber auch gefärbt, da ich mit den beiden ja mittlerweile mehrere Tausend eiten verbracht habe und nicht nur ein paar Arcs).

    Auch hier kann ich den begleitenden Podcast We've got Ward absolut empfehlen!
     
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