Schänke: Zur Nachtschicht

Dachrisma

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Als Dachrisma erwachte war es noch früh am Morgen. Im Grunde viel zu früh, aber ihr natürlicher Schlafzyklus ließ leider eine zu lange Nacht nicht als Ausrede gelten. Die Luft war frisch, kühl und roch erdig. Man roch wie sich der morgendliche Nebel, aus der feuchten Erde des Waldes erhob. Wie nicht anders zu erwarten, hörte man die bereits emsig umher schwirrenden und mit der Nahrungssuche beschäftigten Vögel zwitschern. Im Gasthaus selbst herrschte Ruhe.

Mit etwas steifem Rücken wendete sich Dachrisma um. Ihre Knochen waren weiche Matratzen überhaupt nicht gewohnt, was unsinnigeweise zur Folge hatte, daß die Gewöhnungszeit von einem Stroh- oder Mooslager zu einem bequemen Bett zunächst mit einige Schmerzen einher ging.
Über Nacht war ihr eine Idee gekommen, und um diese umzusetzen, wollte sie sich rasch ankleiden und den Grund des Gasthauses ein Mal genauer ansehen.

Durch die Erinnerung an die Zeiten, in denen ihre Schwester und sie mit ihrer Großmutter in der Hütte am See lebten, hatte sie die Eingebung, etwas für diesen Ort tun zu können. Bei der Zuberreitung einer Mahlzeit hatte die Großmutter sie immer in den Garten geschickt, ein mal vorne in die Sonne, um das Schnittlauch zu holen, ein mal nach hinten hinter den Schuppen, um aus dem Halbschatten den Salbei zu holen.

Dieses Gasthaus hatte keinen Garten, weder für Blumen und Bienen, noch für Kräuter. Sie wollte sich heute morgen einen Überblick über die genaue Lage und Beschaffenheit der Böden verschaffen. Waldböden waren oft ein wenig zu sauer, was an dem Anteil der Nadeln und vor allem der Rinde lag, aber mit etwas Glück war die Lichtung schon lange nicht mehr bestanden, so daß die Böden sich für ihr Vorhaben gut eigneten. Die ersten Kräuter allerdings würde sie mühsam zusammen sammeln müssen, da sie natürlich nicht mit den entsrpechenden Samen reiste.

Durch diese Gedanken motiviert stieg sie aus dem Bett und kleidete sich rasch an, wobei sie sich erneut aus dem Schrank bediente, der aus ihr völlig unklaren Gründen nicht nur mit irgendetwas gefüllt war, denn die Leinengewänder waren exakt den Bedürfnissen und auch an ihre Größe angepasst. Zum Glück konnte sie die verbeulte Brustplatte nun erst mal liegen lassen. Es war schlicht pragmatischer sie auf der Reise nicht in einem riesigen Bündel mit sich herum zu tragen, sondern sie statt dessen auf dem Leibe mit sich zu führen. Nun konnte sie sich endlich wieder freier und unbeschwerter bewegen.

So leise es ihr möglich war (Die Treppe knarrte noch immer) stieg sie die Stufen herab und verließ das Gasthaus zur Vordertür, um sich in der nahen Umgebung etwas umzusehen. Gandalf schien noch zu schlafen, denn von ihm war kein Laut zu hören.
 

Gandalf the White

Gedankenschinder
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Mit der Tasse in der Hand schwebte Gandalf über der Lichtung und genoß den Gesang der Vögel, die Schreie von Dachs und Eichhörnchen, das langsame Erwachen des Waldes. Ein Blick zum Teich: Ja, der andere schlief immer noch bei seinem nicht erlöschenden Feuer. Die düstere Gestalt war auch nicht mehr aus dem Keller gekommen. Er zuckte die Achseln, nahm einen Schluck.
Ah, da unten kam Dachrisma aus dem Haupttor und schien etwas zu suchen. Gandalf beschloß, sie nicht zu stören und nur zu beobachten. Sie machte einen ganz anderen Eindruck als noch gestern Abend. Ermüdet, abgekämpft, ja sogar ein wenig vom Schicksal gezeichnet hatte sie gewirkt. Ihre Rüstung war verbeult gewesen. Sie hatte also auch schon unfreundliche Begegnungen in ihrem Leben gehabt.
Jetzt, in diesem Kleid und ausgeruht, ja...die jüngeren würden in ihr eine Schönheit sehen. Er selbst sah es ja schließlich auch. Er wünschte ihr, daß sie Glück finden würde und nicht das erleben mußte, was er selbst erlebt hatte. Obwohl, wer wußte schon, was sie mit ihren wenigen Jahren schon alles durchgemacht hatte. Nach allem, was sie erzählt hatte, lebte sie das Leben einer Nomadin. So etwas tat man normalerweise nicht freiwillig und hinter ihrer bescheidenen, ruhigen Fassade hatte Gandalf eine neugierige, gesellige junge Frau gespürt.

Gespannt beobachtete er sie, wie sie den Rand der Lichtung ablief, auf der Suche nach etwas, hier und da etwas aufhob. Immer wieder kehrte sie an einer anderen Stelle zum Gasthaus zurück und hob eine handvoll Erde auf, warf einen prüfenden Blick darauf. Na, da hatte wohl jemand etwas vor. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. So kurz vor Ort und schon hatte die junge Dame vor, ihre Spuren hier zu hinterlassen. Er freute sich auf die nächste Zeit, die sicher nicht langweilig werden würde.
 
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